Indien,  Rucksack Blog

#001 Indien – Hier riecht´s nach nassem Teppich?

Lesezeit: 9 Minuten

Juli 2013 – Ich sitze in meiner Vorlesung über Dezentrale Energiesysteme. In der einen Hand mein Frühstück, eine Leberkassemmel und in der anderen meinen Tee aus der Thermosflasche. Draußen ist super Wetter… und ich? Sitze hier und bin müde. Vorne hält mein Professor seine Vorlesung. Ich sehe nach links und rechts, neben mir sitzen meine Kommilitonen denen es ähnlich geht. Es ist früh am Morgen und die Partys aus dem Wohnheim sitzen noch in den Knochen. Wo waren wir noch gestern? Ist heute aber schon Freitag oder? Verdammt, es ist erst Dienstag.
Wo waren wir noch gestern? Ist heute aber schon Freitag oder? Verdammt, es ist erst Dienstag. o.O Klick um zu Tweeten
Nach der Hälfte der Vorlesung spiele ich mit dem Gedanken wieder zu gehen, zu meiner Hängematte im Wohnheimsgarten, wo es gemütlich und sonnig ist. Ich bin bis heute froh, dass ich das nicht getan habe.

Nach der Vorlesung meint mein Professor „Ach ja, und wer ein Praxissemester im Ausland möchte, soll sich mal melden. Ggf. kann ich etwas helfen.“ und blickt dabei unter anderem auch in meine Richtung. Ich war sofort Feuer und Flamme von dieser Idee. Wie sich rausstellte dachten auch andere so und waren nach der Stunde zu ihm gekommen. Unser Professor erzählte von seinen Vorstellungen und das er gegebenenfalls Kontakte nach Indien vermitteln könne.

Indien...

Als dieses Wort fiel, war mir klar, was passieren würde. Ich musste dort hin! Oje, aber die „Mitbewerber“… Naja, wie sich rausstellte, gab es keine mehr. Nachdem jedem klar war, dass mein Professor „nur“ Indien-Kontakte hatte und nichts „nettes bequemes“, war ich fast alleine. Niemand wollte ernsthaft nach Indien, dort wäre es den meisten zu dreckig, zu arm und das Essen viel zu scharf. HA, das ich nicht lache 😉 genau mein Fall! Also habe ich mich mit meinem Professor abgestimmt und wie sich herrausstellen sollte, war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich danke ihm noch heute für diesen Kontakt!

Nach einigem telefonieren war echt schnell klar, dass ich der Richtige war. Die Firma fand meine Noten und  Einstellung super und ich fand die Firma super. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch über Skype nach Indien und auch das lief gut.  Die nächsten 3 Monate vergingen recht schnell. Das Visum* wurde organisiert und ich vermietete mein Zimmer im Wohnheim zur Zwischenmiete. Plötzlich war auch schon der 01.10.2013, mein Abreisetag. Der Wecker klingelte und ich war sofort hellwach. Der Gedanke in ca. 14 Stunden ca. 10 000km weit entfernt von meinem 10m² Zimmer im Wohnheim zu sein, in einer völlig fremden Kultur, spannte mich zum Bersten an. Es war ein schönes Gefühl und doch ging mir natürlich ein bisschen die Muffe.

Abflug...

Ich hatte am Vorabend bereits alles vorbereitet und war ready to go. Alles war gepackt und das Frühstück parat. Essen war jetzt sowieso nicht möglich, ich bekam keinen Bissen runter. Also alles eingepackt und zu Fuß mit dem Rucksack zum Hochschuhlbahnhof. Es war so zu sagen der letzte Kilometer in der Heimat und mir wurde nun richtig bewusst, dass ich diesen Weg so schnell nicht mehr gehen werde.

Mit dem Zug gings von Rosenheim nach München Ost, dann mit der S-Bahn über die Stammstrecke Richtung Flughafen. Aussteigen und die Rolltreppe zum Eingang hinauf, Flughafenchaos. Immer wieder schön. Trotz der Vorfreude hatte ich noch nicht richtig realisiert, wo es gleich hin geht. Erst zur Gepäckaufgabe, dann durch die Sicherheitskontrolle und ab zum Gate. Da saß ich nun. Der Flieger ging um 12 Uhr am 01.10.2013. Spätestens jetzt gab es kein Zurück mehr. 🙂

Landung...

Der Flug dauerte etwa 11 Stunden und ich landete um 23 Uhr deutscher Zeit in Mumbai, Indien. Auch wenn ich zuvor geschlafen habe, spätestens jetzt war ich wieder hellwach und die Realität holte mich wieder ein. Was ich nie vergessen werde, war der Moment als sich die Flugzeugtüren öffneten. Aus Deutschland eingeflogen.  Mit deutscher 20°C Luft im Flugzeug verwönt, direkt in eine +20Mio Einwohner Stadt wie Mumbai eingeflogen zu werden, ist ein sehr starker Kontrast.

Es war schwül, warm und feucht. Sehr feucht. Die Luft war schwer und es roch… interessant. Ich würde nicht sagen, dass es unangenehm war, es war einfach etwas Neues, bisher Unbekanntes. Eine Mischung aus Abgasen, salziger Luft, Rauch, sehr gutem Essen und noch irgendetwas. Ich verlies das Flugzeug über einen „Arm“ wie in München und als ich den Flughafen betrat war mein erster Gedanke:

Hier riechts nach nassem Teppich? Klick um zu Tweeten

Aber ernsthaft, in der gesamten Flughafenanlage war Fußbodenteppich ausgelegt und die Luft war super feucht! Kein robuster Industrieteppich, nein, sondern schwerer roter Teppich. Das erklärte wohl auch den Geruch. 😀 Die Monsunzeit war gerade erst vorbei und demnach kannst du dir den Rest sicher denken.

Ich wusste, ich würde vom Flughafen abgeholt werden. Schließlich kannte ich hier niemanden und das mit den „Adressen“ ist in Mumbai auch so eine Sache… Nachdem ich also von meiner neuen Chefin abgeholt wurde, fuhren wir erst mal eine gute Stunde vom Flughafen durch Mumbai in Richtung Breach Candy und ich fiel todmüde ins Bett.

Wohnen in Indien?

iVisa.com Als ich nach ein paar Stunden am nächsten „Morgen“ vom Lärm der Autos und der Hitze erwachte, mit einem mega Jetlag im Gesicht, hatte ich zum ersten mal die Möglichkeit, meine Umgebung bei Tageslicht zu sehen. Der Blick aus meinem Fenster war schon beeindruckend. Mumbai ist eine wilde Stadt. Zusammengewürfelt aus arm und reich. Rießenhafte Gebäude aus heutigen Tagen treffen auf Herrenhäuser aus der Konolialzeit. Dazwischen Palmen, Ruinen und interessante Tropenbäume mit Lianen. Es gibt Slums und Plattenbauten, Tempel, Moscheen und Kirchen. Die Lücken sind gefüllt mit Märkten, Straßenständen, köstlich duftenden Speisen, neben Kühen und Bergen voller Abfall. Dieses Zusammenspiel der Gegensätze übte einen enormen Reiz auf mich aus. Aus Deutschland bin ich Gründlichkeit und Ordnung gewohnt, dass z.B. die Architektur der Gebäude gewissen Normen unterliegt. Sie ähneln sich und es gibt Richtlinien dafür, wie stark ein Baustiel vom anderen abweichen darf. In Deutschland ist alles genormt, sogar die Essiggurke im Glas. In Indien gibt es das alles nicht. Es gibt noch viel mehr nicht, wie ich später erfahren sollte.

Mein Zimmer lag im 4. Stock auf einem Privatflur, 24 Stunden lang bewacht von einem Liftboy. Eigentlich war es die Wohnung der Schwester meiner Chefin, die aber wohl nie da war. Ich hatte ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer mit Klimaanlage und ein Bad. Als erstes baute ich mein Moskitonetz auf, um mir kein Malaria einzufangen. Die Moskitos kommen in den Bädern durch die Fenster oder steigen durch den Abluss auf. Da hatte ich nun wirklich keine Lust drauf. WLAN gab es in meiner Wohnung keines. Das von meiner Cheffin reichte nicht bis hier rüber. Nach etwas rumprobieren hatte ich eine Stellung des Laptops auf der Fensterbank erreicht, mit welcher ich exakt einen einzigen Balken eines freien WLAN´s empfangen konnte. Wie mir gesagt wurde, wohnte ich in einem etwas besseren Viertel, wir hatten hier fast 24/7 fließend Wasser und Strom. So normal wäre das nicht und es gibt Stadteile von Mumbai, die nur zu halbwegs festen Uhrzeiten Wasser und Strom haben.

Indisches Frühstück?

Für mich gilt, ich probiere Dinge immer erst aus, bevor ich darüber urteile, so auch bei der Wurst. Ich habs wirklich versucht, aber ich konnte sie nicht essen, vollgestopft mit Knorpel und was weiß ich was allem. Am Schluss habe ich sie an einen Vogel auf der Terasse verfüttert. Daraufhin habe ich freundlich gesagt, dass ich in Deutschland natürlich öfters Wurst esse, dass hier in Indien aber nicht nötig ist und ich mich daher eher über ein traditionell indisches Frühstück freuen würde. Und siehe da, meine Gastgeber waren super happy darüber. Sie freuten sich über mein Interesse und ab sofort gab es Dosa, Krabben, Thali und diverses.

Arbeiten in Indien?

Für mein Praxissemester war ich bei einer Firma angestellt, die ländliche Regionen elektrifiziert und damit der Landbevölkerung konstengünstig Solarstrom zur Verfügung stellt. Die Niederlassung in Mumbai lag in der Nähe von Sion. Ich musste daher jeden Tag von der Gegend um Breach Candy rauf nach Sion. Der Weg dauert je nach Verkehrslage eine Stunde. Ich bin zu Beginn meist mit dem langsameren Zug gefahren, um dem lästigen Verkehrsgedränge zu entkommen. Besonders gefallen hat mir, dass ich an einer offenen Tür im Zug stehen konnte. Um den Fahrtwind in den Haaren zu spüren, war der beste Platz immer direkt neben der Türe. So kannst du schnell ein- und aussteigen und schwitzt nicht im Gedränge bei mehr als 30°C im Schatten. Der Job hat mich vor einige Herrausforderungen gestellt. Besonders in Bezug auf die kulturellen Unterschiede. Das Kastensystem verursachte für mich zu Beginn erhebliche Schwierigkeiten…

Besonders schwierig war es eine vernünftige Teamarbeit zustande zu bekommen. In Indien sind Leute nicht unbedingt gewohnt mit Problemen offen umzugehen und diese von sich aus anzusprechen. Für den Arbeitsalltag hieß das, ich musste jedem Einzelnen „aus der Nase ziehen“, wo die Probleme liegen. Um Arbeitsabläufe zu optimieren, muss ich diese natürlich erst analysieren und verstehen, wo es „hakt“. Bis ich von meinen Kollegen nicht länger als ein Vorgesetzter aus Deutschland gesehen wurde, sondern als normaler Mitarbeiter, sind sicherlich 2 Monate vergangen. Wichtig war mir, meinen Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen, mit ihnen zu essen, mich auf die Gepflogenheiten wie z.B. den mittaglichen Chai einzulassen. Ich wollte mich in die Indische Kultur integrieren und verstehen wie die Inder „ticken“. Es hat einige Zeit gedauert, aber irgendwann war ich ein aktzeptierter Teil und hatte stets enorm Spaß und habe viel gelernt.

Wer arbeitet bekommt normalerweise auch Geld. Nur ganz so einfach war das leider nicht. Ich hatte nach den ersten 3 Monaten noch immer kein Gehalt bekommen. Es hieß nur irgendwann, ich müsste ein Konto in Indien eröffnen, um Geld von meiner Firma zu erhalten. Das ganze hat ewig gedauert und mich einiges gelehrt, aber auf diese Geschichte gehe ich nochmal in einem künftigen Beitrag separat ein. Was mich aber viel mehr gestört hatte: leider hatte ich damals noch KEINE VISA-Karte von der DKB*. Ich war zu der Zeit noch ein normal sterblicher Sparkassen-Kunde und habe mich daher in Indien sehr über die Gebühren geärgert. Mindestens 5 Euro bei jeder Abhebung und dann noch irgendwelche Wechselgebühren oben drauf. Mittlerweile habe ich die kostenlose DKB VISA-Karte*  und muss mir deswegen keinen Stress mehr machen. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mir einen haufen Geld gespart! Mit der DKB-Karte kannst du nämlich weltweit KOSTENLOS Geld abheben!

Detailliertere Infos erhältst du direkt bei der DKB.*

Die ersten 2 Monate?

Nach gut zwei Monaten hatte ich dann wirklich das Gefühl im Land angekommen zu sein. Ich war integriert, kannte mich in der Gegend gut aus und brauchte nur noch selten mein Navi. Die Zugverbindungen der Umgebung kannte ich nun auch schon fast auswendig und mit der Hitze kam ich super klar. Der Trick ist: schlaf NIE mit einer Klimaanlage. Auch wenn es noch so verlockend sein mag, du handelst dir damit nur noch mehr Ärger ein. Wenn du Pech, hast wirst du sogar krank! Aber was viel wichtiger ist, du wirst dich ganz sicher nie an die Hitze gewöhnen. Wer regelmäßig in der Nähe einer Klimanlage ist, hat auf lange Frist definitiv das Nachsehen. Mein Tipp daher: kämpfe dich lieber die ersten 2-3 Wochen durch, geh Duschen und fächere dir Luft zu. Dann hast du´s überstanden und es fühlt sich irgendwann nicht anders an, als ein deutscher Sommer.

Dienstreise mit dem Motorrad?

Irgendwann konnte ich dann meine erste Dienstreise antreten. Ich sollte in ein Dorf in der Nähe von Sangamner fahren. Das würde bedeuten erst zu Fuß zum Bahnhof, dann mit dem Zug zum Büro. Von dort aus mit einem Kollegen im Rechtslenker-Auto von Mumbai nach Nashik. Von Nashik aus mit dem Bus über eine Schotterpiste nach Sangamner. Dort wurde ich von einem anderen Kollegen abgeholt und wir fuhren auf der Ladefläche eines Pickups in deren Büro. Bis hier hin habe ich über 6 Stunden für knapp 300km gebraucht.

Aber das war bei weitem noch nicht mein Ziel. Es ging also weiter mit einem kleinen Motorrad über Feldwege bis ins letzte denkbare „Outback“. Eben dort hin, wo es keinen Strom mehr geben würde. Ich sollte selbst mit dem Motorrad fahren, was ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gemacht habe.

Irgendwann war es dann also geschafft. Ich war über 8 Stunden unterwegs, habe 6 verschiedene Fortbewegungsmittel genutzt und dabei noch halbwegs Motorradfahren gelernt. Aber ich war dort! Im Nichts! Anbei ein paar Fotos (klicken zum vergrößern).

Meine Aufgabe war es, heraus zu finden, inwiefern die Bewohner mit den Solarmodulen klar kommen. Ob sie verstehen, wie sie damit umgehen müssen oder ob Schwierigkeiten auftauchen. Es gab so manche interessante Rückmeldung. Z.B wurde sich darüber beklagt, dass die PV-Module nicht mehr funktionieren würden. Die Ursache war recht schnell klar. Die Bewohner haben sich gedacht „ja klar Sonne = Licht = Strom“ also haben sie die PV-Module nachts über dem Feuer aufgehängt, um auch über das Feuer Strom zu erzeugen. Ich merkte schon, hier ist einiges an Aufklärung zu leisten. Nachdem ich dort nun mit einigen Bewohnern gesprochen hatte, nahm ich die ganzen Punkte auf und wir versuchten uns zu verabschieden.

Das war aber garnicht so leicht, denn egal mit wem ich in diesem Dorf sprach, ich wurde ständig eingeladen. Dies beeindruckte mich zutiefst, denn diese Menschen hatten im Prinzip garnichts und teilten es trotzdem mit mir, einem wildfremden Menschen. Mein Übersetzer bzw. Kollege der auch dabei war sagte mir, ich dürfe dies auch nicht ablehnen. Zum Glück gab es nur scharf gekochten Chai, denn nach gut 2 Monaten war ich zwar an so manches gewöhnt, aber mit dem Essen musste ich natürlich noch immer aufpassen. Ein europäischer Magen ist eben doch nicht alles gewohnt. Ein paar Chais (indischer schwarzer Gewürztee) später durfte ich dann auch wieder fahren und wir traten die Rückreise zum nächsten Dorf in unsere Unterkunft an. Am nächsten Tag trat ich meine Heimreise über weitere 6-8 Stunden auf dem gleichen Weg nach Mumbai an und begann die gesammelten Infos und Fotos auszuwerten.

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to be continued

Indien… ist wild und bunt!

Ich bin bei Feierlichkeiten dabei gewesen und habe so manche Rituale mitgemacht, habe Tempel besucht und meist an Straßenständen gegessen. Ich habe mit Indern traditionell getanzt, eine Hochzeit erlebt und zweimal Neujahr gefeiert. Ich habe mich mit Indern teils unfreiwillig betrunken und sogar ein Motorrad gekauft. All das und vieles mehr werde ich dir im Laufe meiner kommenden Beiträge erzählen und dich auf meine Reisen durch Indien mitnehmen. Es würde mich freuen, wenn du auch weiterhin dabei bleibst.

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