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Hoher Atlas & Totalschaden – unsere Fahrradweltreise durch Marokko Teil IV

Dieser Artikel enthält Werbung und Provisionslinks. Mehr dazu erfährst Du am Ende diesen Artikels.

Lesezeit: 17 Minuten

Diesmal berichten wir von unserem äußerst schweißtreibenden Aufstieg auf den Tizi n’Tichka Pass im Hohen Atlas. Außerdem krachte es auf dem Weg nach Marrakesch gewaltig und Dani´s Rad glich einem Totalschaden. Dann war es für Melli auch wichtig nach Casablanca zu kommen…

Wir hatten genau 90 Tage, um Marokko mit unseren Rädern zu erkunden. Schon nach kurzer Zeit erwarteten uns dort die ersten Abenteuer. Im ersten Teil unserer Marokko-Blog-Serie hatten wir täglich mit der Polizei zu tun, aber z.B. auch eine tolle Begegnung mit einem Schäfer in den Bergen. In Teil #2 wurden wir u.a. mit einer spontan für uns organisierten kleinen marokkanischen Hochzeit überrascht. Kamele und die Sahara gab es dann im Teil #3.

Wir haben passend zu unseren Berichten unsere Fahrradreise auch auf Video festgehalten. Am Ende dieses Blog-Beitrages gelangst du zu unserer Video-Serie über Marokko. Auf unserer Patreon und Steady Seite kannst du dir die neuesten Videos schon vor der Veröffentlichung freischalten. 😉 Wenn du wissen möchtest, wo genau wir entlang geradelt sind, schau doch mal in unseren Basar. Dort findest du die gesamten GPX-Daten mit zusätzlichen Infos zur Routenplanung.

Die Fahrt von Tinghir nach Boulmane lief richtig gut. Wir hatten ungefähr 53 Kilometer vor uns und nach langer Zeit wehte mal wieder etwas Rückenwind. Kaum zu glauben, aber Anfang November kamen wir käseweiß in Marokko an. Mittlerweile hatten wir richtig Farbe abgekommen und seitdem ist etwas Zeit vergangen. Heute war Weihnachten. Natürlich feiern die Marokkaner kein Weihnachten. Das islamisch geprägte Land huldigt Allah. Dieses Mal war das erste Mal, dass wir kein Weihnachten zuhause oder mit den Liebsten feierten.

Auch wenn die Landschaft hier absolut einmalig war… Aber ein wenig vermissten wir schon die allgemeine vorweihnachtliche Stimmung, den Schnee, den Duft von frisch gebackenen Plätzchen und den dampfenden Glühwein in der Hand… Plötzlich entdeckten wir in der Ferne Berge und da schimmerte es doch tatsächlich weiß auf der Spitze. Schnee! Also doch noch ein klein wenig Winterfeeling. 😉

Wir hatten uns unterwegs mit einem anderen Deutschen, der mit seinem Liegerad unterwegs war, verabredet. Unsere Wege kreuzten sich witziger Weise also genau heute, danach liefen unsere Routen in die jeweils andere Richtung auseinander. Gemeinsam wollten wir auf unseren Campingkochern* ein kleines Weihnachtsmenü zaubern, wenn wir schon nicht wirklich feierten. Wir stellten unser Zelt an einem Platz auf, an dem wir einen ungestörten Blick auf die Natur um uns herum genießen konnten. Der Boden war gekennzeichnet von unterschiedlichen rostroten Steinschichten und vor uns tat sich ein Abhang auf.

Es war schön, sich mal wieder in der eigenen Sprache auszutauschen und die Erfahrungen von einem anderen Radreisenden über die noch vor uns liegende Strecke zu hören. Nach einem atemberaubenden Sonnenuntergang mit einem lodernden rot orangenen Streifen am Horizont, konnten wir kurze Zeit später die vielen kleinen Lichter, der unter uns liegenden Häuser ausmachen. Die Mägen fingen an zu knurren. Jetzt sollten wir aber mal wirklich anfangen zu kochen! Wir zauberten uns ein 4-Gänge-Weihnachtsmenü der etwas anderen Art. Als Hauptspeise gab es eine Art Dahl mit Linsen, Kartoffeln, Karotten mit leckeren marokkanischen Gewürzen und Curry. Dazu bereiteten wir einen Tomaten-Zwiebel Salat zu. Ein weiteres Schmankerl bildete ein leckerer Dattel-Apfel-Kompott und zum Abschluss gab es dazu Granatapfel. 😉

In der Stadt ohne Lärm

Nach einer windigen und der frischesten Nacht, die wir bis dato in Marokko hatten, ging es am nächsten Tag weiter. Mit einigen Kilometern Abstand fuhren wir am weltweit größten Solarkraftwerk-Komplex vorbei. Schade, dass wir keine Zeit fanden, um dies näher zu erkunden. Insbesondere Dani hätte es sehr interessiert. Der nächste Zwischenhalt war dann also Ouarzazate. Die Kleinstadt gibt es so gesehen erst seit 1928 und ist im Gegensatz zu vielen anderen Städten Marokkos ziemlich ruhig. Anscheinend bedeutet Ouarzazate übersetzt so etwas wie „ohne Lärm“. Am Abend besichtigten wir noch die Kasbah Taourirt, bevor es am nächsten Tag weiter in Richtung des Hohen Atlas ging. Dabei kamen wir an den berühmten Filmstudios vorbei. Wir hörten, dass hier schon viele große Hollywood-Streifen gedreht wurden, da sich die Landschaft um Ouarzazate herum perfekt für epische Filmszenen eignete – darunter z.B. Gladiator, Die Päpstin, Der Medicus oder Teile aus Game of Thrones. Das wunderte uns überhaupt nicht. Auf unseren bisher 1.300 Kilometern, die wir allein durch Marokko geradelt sind, erwartete uns so ziemlich jeden Tag eine andere atemberaubende Kulisse. 🙂

Eine saftige Route

Wir passierten Aït-Ben-Haddou und waren überrascht, wie ein so kleiner Ort so viele Touristen anziehen konnte. Schon von weitem sahen wir kleine schwarze Punkte, die sich ähnlich wie Ameisen hintereinander auf die Festung auf einer Bergkuppe zubewegten. Keine Frage, die Architektur und die Umgebung waren wunderschön. Hier hatten wir allerdings das Gefühl, dass es zahlenmäßig mehr Touristen, als Einheimische gab. Kaum waren wir um die Kurve herum gefahren, lösten sich die bunten Schwärme auf und wir waren wieder allein auf der Straße unterwegs. Wir hatten uns eine saftige Route für den Weg nach Marrakesch ausgesucht. Über den Tizi n’Tichka Pass ging es über Telouet und uns erwarteten einige Höhenmeter. Die Landschaft um uns herum verschlug uns wieder einmal die Sprache. Die kurvige Strecke verlangte uns zwar einiges an Kraft ab, doch es lohnte sich allemal!

Nach dem ersten Tag schlugen wir nach insgesamt 60 Kilometern – inklusive einer fiesen Serpentine von nur 2 Kilometern Länge und 1.000 Höhenmetern – unser Zelt auf dem Berg auf. Für diese lächerlichen 2 Kilometer brauchten wir sage und schreibe 45 Minuten. Die Belohnung war ein traumhafter Ausblick auf die kleinen Dörfer, die wir zuvor passiert hatten. Sie schlängelten sich an dem mit Palmen gesäumten Flussbett entlang. Am nächsten Tag taten sich weitere bunte Berge vor uns auf. Es leuchtete uns Rot, Gelb, Orange und Blaugrau entgegen. Zwischen den Farbschichten zogen sich sanfte weiße Fäden hindurch. Es mussten wohl Salzadern sein. Diesen kleinen Hinweis lieferte uns ein klein wenig später ein Schild, das den Weg zu den Salz Minen wies.

Chakka - über den Tizi n'Tichka

Im Bergdorf Telouet füllten wir an einem Café unsere Wasservorräte auf und begaben uns auf die Suche nach frischem Gemüse für unser Abendessen. Wir konnten froh sein, dass wir Brot bekamen. Wie sich herausstellte, gab es zwar Restaurants und Cafés, wo man uns energisch hineinwinken wollte, aber weit und breit keine Gemüseverkäufer. Keiner konnte uns weiterhelfen. Die letzten Geschäfte, die wir hätten ansteuern können, waren schon seit längerer Zeit geschlossen… Gut, dass wir noch einige Äpfel und Datteln sowie altes Brot hatten, welches wir verkochen konnten. Nach 2 ½ Tagen eines schmerzvollen sowie schweißtreibenden Aufstiegs mit sagenhafter Natur um uns herum, erreichten wir letztendlich den Tizi n’Tichka-Pass. Von Emotionen überwältigt blickten wir die sich windende Straße hinab, die wir uns die letzten Tage hinaufgestrampelt hatten. Das war ein derartig unbeschreibliches Gefühl!

Da waren wir nun auf 2.260 Metern. Das Adrenalin rauschte uns durch den Körper. Wir fühlten uns wahrhaftig wie abnormale Viecher. Tränen der Freude und des Unglaubens rannen uns über die Wangen. Chakka, das hatten wir mit unseren eigenen Beinen geschafft! Wir loben uns eigentlich nicht selbst, aber das hatten wir nun doch wirklich gut gemacht. 😉 Die vorbeifahrenden Autos hupten. Daumen nach oben wurden uns entgegengestreckt. Das nahmen wir gleich als Kompliment und Motivation auf. Gerade auf dieser Passage unserer Reise, wurden wir sehr oft auf unser Vorhaben angesprochen. Uns wurde Wasser geschenkt und ein Pärchen aus den USA hat uns zudem noch mit Essen eingedeckt. Wir freuten uns wahnsinnig!

Totalschaden am Rahmen

Wo es bergauf geht, geht es bekanntlich auch wieder hinunter. Relativ schnell merkten wir, dass wir die bessere Seite für die Bergauffahrt erwischt hatten. Auf der Straße, auf der wir die letzten Tage hinaufgefahren sind, war relativ wenig Verkehr und unsere Umgebung sehr interessant. Zwar war es unheimlich anstrengend, aber wir hatten ja bei unserem Tempo Zeit, die Landschaft zu genießen. Nun wurde es allerdings richtig staubig. Da halfen auch unsere Tücher, die wir vor Mund und Nase gezogen hatten, wenig. Hinter jeder zweiten Kurve waren Bagger und Bauarbeiter am Werk. Auch der Verkehr nahm ganz schön zu und der Straßenbelag wurde immer schlechter. Das Einzige, was uns momentan als Vorteil erschien, war die Geschwindigkeit, mit der wir bergab durch den Staub und Dreck rauschten.

Wir kamen an einen großen Kreisverkehr. Nun mussten wir uns entscheiden, ob wir die viel befahrene Nationalstraße oder die etwas längere Alternativroute nach Marrakesch nehmen wollten. Die Wahl wurde getroffen – wir fuhren geradeaus weiter auf die weniger frequentierte Straße zu. Dani warf noch einen letzten Blick auf das Navi, um die Höhenprofile zu vergleichen, dann geschah es… Es gab einen lauten Knall und man hörte deutlich etwas zerbarsten. Melli drehte sich um und sah Dani mitsamt Rad auf dem Boden liegen. Ein mitten auf der Straße parkendes altes Auto blockierte die Fahrbahn just in dem Moment der Unachtsamkeit. Dani hatte keine Chance mehr auszuweichen und war geradewegs darauf zu gesteuert.

Ein Schockmoment durchfuhr uns zwei. Ok, erstmal tief durchatmen! Fehlte Dani etwas? Nein! Er zitterte zwar wie Espenlaub (vor Wut wohlgemerkt), hatte aber nichts abbekommen. Dann ein Blick auf das Fahrrad. Zwei Fahrradtaschen hatte es durch den Aufprall auf die Straße geschleudert und die Befestigungsknöpfe abgerissen. Unsere weitere Schadensanalyse ergab ein zerbrochenes Glückssparschwein, ein angeknackstes Signalhorn, einen zerdrückten Alu-Getränkehalter und das allerschlimmste: Einen total zusammengestauchten Fahrradrahmen. Das Vorderrad war auf groteske Weise direkt an den Rahmen gequetscht. So war ein Weiterfahren auf keinen Fall möglich! War das jetzt das Ende unserer Tour? Voller Groll sah Dani auf das parkende Auto, das ihn angefahren hatte… (Vorsicht Ironie). Wie durch ein Wunder schien es überhaupt nichts abbekommen zu haben.

Hilfsbereitschaft überall

Hier standen die Chancen schlecht irgendetwas reparieren zu können. Seufzend stellten wir uns an den Straßenrand, streckten den Daumen raus und hofften, dass ein Pick-Up zwei voll beladene Radreisende nach Marrakesch mitnehmen konnte. Sogar beim Schieben hatten wir Angst, noch mehr zu beschädigen, da das Rad am Rahmen schliff. Recht schnell kam ein Mann zu uns und fragte auf Französisch, ob er helfen könne. Wir erklärten unsere Notlage (so gut Melli´s Sprachkenntnisse reichten) und er fing an zu telefonieren. Eine Frau kam dazu. Diesmal erklärten wir in weitaus besserem Englisch, was geschah. Kurze Zeit später kam dann noch ein weiterer Mann dazu. In den nächsten 5 Minuten hielt dann tatsächlich ein leerer Pick-Up vor uns, den wohl die lieben Menschen um uns herum organisiert hatten.

In Marrakesch angekommen, hatten wir uns mit einem Marokkaner verabredet, den wir über Couchsurfing kennengelernt hatten. Trotz körperlicher Untätigkeit warteten wir verschwitzt und resigniert am Treffpunkt. Die nächsten Tage standen also voll im Gedanken, das Rad irgendwie wieder fahrtauglich zu machen… Während wir warteten sprach uns ein total faszinierter und sehr netter Mann auf Englisch an. Unsere Radreise sei sehr inspirierend. Er fände es klasse, dass wir alle alten Gewohnheitsstrukturen hinter uns gelassen hatten und einfach mit den Rädern und einem Zelt bewaffnet in die weite Welt zogen. Er fragte uns, was wir wohl hofften zu finden und warum wir gerade in Marokko gelandet waren.

Viele Gründe hatten uns hierher geführt. Wir antworteten also, dass wir u.a. der engstirnigen Ellenbogengesellschaft im hektischen Europa, in der man sich u.a. kaum Zeit zum Essen nahm, entfliehen wollten. Hier hatten wir das Gefühl, dass das Miteinander sehr im Vordergrund stand. Zumindest, was die Familien an sich betraf… Fragte man die Marokkaner allerdings, was sie von ihren eigenen Landsleuten hielten, trauten sie oft dem jeweils anderen nicht über den Weg. Wir sollten uns in Acht nehmen vor den Leuten im Osten, dort angekommen hieß es, man kann keinem im Norden trauen usw.… Tatsächlich machten wir zum Glück keine schlechten Erfahrungen! Uns gefiel außerdem, dass sich hier die Familien immer viel Zeit zum Essen nahmen. Alle kommen zusammen an einen Tisch und essen gemeinsam von einem Teller. Die Sozialkomponente, so hatten wir den Eindruck, ging in Deutschland oft etwas verloren. Was allerdings nicht hieß, dass wir selbst, jeder einsam vor dem Fernseher, speisten. 😉

Wir dachten, wir schlafen bei dir?!

Wie sich herausstellte, hielt unser Gegenüber nichts von Zufällen, sondern bedeute mit einem Grinsen, dass alles was geschieht einen Sinn hätte. Er würde uns am nächsten Tag einsammeln und gemeinsam mit uns zu einem Schweißer fahren, der Dani´s Rad wieder richten sollte. Er kannte nämlich einen Ort, an dem viele Männer arbeiteten, die ihr Handwerk verstanden. In diesem Augenblick kam unsere Verabredung ums Eck, die sich bis dato etwa 40 Minuten Zeit gelassen hatte, um zu uns zu stoßen. Unser neuer Freund vergewisserte sich kurz, ob der Neuankömmling auch ungefährlich war und dann verabschiedete er sich von uns. Morgen früh sollten wir ihn wieder treffen.

Unser neu eingetroffener Gastgeber hatte gleich noch einen anderen Mann im Schlepptau, der gut Englisch sprechen konnte. Zu unserer Überraschung lokalisierte der vorgeschlagene Treffpunkt überhaupt nicht das Zuhause bzw. den Ort an dem wir schlafen sollten. Es ging also weitere 10 Minuten zu Fuß stadtauswärts. Wir waren gespannt was uns erwartete. In einer Wohngegend wurde uns vor einem mehrstöckigen Haus plötzlich ein dritter Mann vorgestellt. Es war der beste Freund unseres Gastgebers. Hier sollten wir also schlafen…. Langsam dämmerte es uns, dass der Dritte im Bunde sowie seine Frau ebenso überrascht sein mussten, wie wir. Dafür verstanden wir uns allerdings innerhalb der nächsten paar Minuten sehr gut und blieben dann auch einige Tage.

Der Schweißer weiß, was er tut

Am nächsten Morgen trafen wir uns, um gemeinsam zum Schweißer zu fahren. Eine ganze Reihe von Werkstätten tat sich nach gut 10 Minuten Autofahrt neben uns auf. Ein Mann mit verblichenen Jackett und Sonnenbrille kletterte auf die Ladefläche des Autos, mit dem Dani´s Rad transportiert wurde. Das war wohl der Schweißer. Uns wurde versichert, dass der Schweißer weiß, was er tut. Er begutachtete das zerdätschte Stück und sagte, alles kein Problem. Gegen Mittag würde er sich den Rahmen vornehmen und nach einer Stunde könnten wir das Rad wieder abholen. In der Zwischenzeit könnten wir ein bisschen durch den Souk bummeln. Skeptisch warfen wir uns gegenseitig einen Blick zu. Egal wie lang es dauern würde, wir wollten dabei sein, wenn gewerkelt wurde. Eine weise Entscheidung, wie sich bald herausstellte. Zu allererst musste der Rahmenteil des Vorderrads wieder an seine ursprüngliche Position gebracht werden. Dafür bauten wir selbst schon einmal das Rad aus. Dann wurden zwei Eisenrohre über die Gabel gestülpt und ein längeres Rohr sollte als Hebel dienen.

Dani wurde bleich im Gesicht. Damit würde der gute Mann nur die Gabel verbiegen, da der Hebelpunkt komplett an der falschen Stelle angesetzt wurde. Mit Händen und Füßen konnten wir das ungewünschte Ergebnis erklären und schlugen eine andere Vorgehensweise vor. Danach wurde ein Metallstück an den Rahmen geschweißt. Wir mussten etwas schmunzeln. In Deutschland wurde extrem viel Wert auf diverse Sicherheitsvorkehrungen gelegt. Der Mann vor uns arbeitete ohne Handschuhe und ohne Schutzbrille. Irgendwann zog er dann doch seine Sonnenbrille raus, die er sich aufsetzte. Zum Abschluss wurde uns noch ein Farb-Lack gebracht und das Rad war zumindest wieder soweit hergestellt, dass Dani fahren konnte.

Ein Unglück kommt selten allein

Silvester wurde hier in Marokko ebenso wenig gefeiert, wie Weihnachten. Es gab wohl einige Familien, die sich gegenseitig besuchten und kleine Geschenke überreichten, Brauch ist es allerdings eher nicht. Ein Feuerwerk wird höchstens für die Touristen in den größeren Städten entzündet. Wir stellten uns also schon auf einen relativ unspektakulären Jahreswechsel ein. Einer unserer neuen Bekannten sagte uns, dass er am 31. Dezember Geburtstag hatte und uns gern dabei hätte. Also gab es doch noch eine Feier. Als Tourist Alkohol in Marokko zu trinken ist eher kein Thema, als Marokkaner hingegen schon. Der Islam und so. Wir rechneten also nicht damit, dass es irgendwelche Probleme für uns geben würde. Dani machte sich mit einem der drei Freunde auf und organisierte Bier. Es gab einen Laden, der alle möglichen (alkoholischen) Getränke im Sortiment hatte. Dort ging es noch viel schlimmer zu, als am Stachus. An der Eingangstür wurde nach regelmäßigen Abständen die Tür verriegelt, weil der Laden aus allen Nähten zu platzen drohte. Menschenmassen quetschten sich durch die Gänge, es wurde um die letzten paar vorhandenen Flaschen und Dosen gerangelt. Und die Kunden waren keine Touristen… Ausnahmezustand! Völlig erschöpft, wie nach einem Marathon, verließ Dani den Laden mit den letzten paar Dosen Bier.

Im Zentrum angekommen steuerten wir dann diverse Bars an, die jedoch alle eine Gästeliste hatten bzw. unmöglich viel Eintritt verlangten. Dann war es soweit. Es war um Mitternacht – und nichts passierte… Kein Böller, kein Hinweis darauf, dass wir nun ins neue Jahr 2020 starteten. Wir hielten trotzdem kurz inne, umarmten uns beide und wünschten uns einen guten Rutsch. Dann ging es weiter und wir fanden doch noch eine geeignete Lokalität.

Wir stiegen die gewundenen Treppen hinab und nahmen kurz darauf auf einer freien Bank Platz. Dem Geburtstagskind wurde eine Shisha angezündet und ein Eimer voller Heineken vor die Nase gestellt. Weil die Stimmung schon so lustig flockig war, wünschte sich Dani bei der DJane ein Lied, das nochmal die Stimmung aufheizte. Dann kam das nächste Unglück. Das Smartphone war weg. Wir riefen die Nummer an, fragten die anderen Gäste und anschließend wurde der ganze Laden auf den Kopf gestellt. Das Handy blieb leider unauffindbar. Derjenige, der es entwendet, bzw. „gefunden“ hatte, hatte jedenfalls nicht vor, es uns zurück zu geben. 🙁 Ein bitterer Nachgeschmack für den Rutsch ins neue Jahr… Aber zum Glück ist nicht mehr passiert! Über 2 Monate ist trotz sehr häufigem direkten Kontakt zu anderen Leuten nie etwas passiert… Kaum kamen wir in eine große Stadt, passiert sowas… Man kann sich wohl denken, dass wir Tourismushochburgen liebend gerne meiden. 🙁

Kein Leben wie wir es kennen

Wir schlugen als nächstes den Weg nach Essaouira ein. Dort lockten gutes Wetter und schöner Sandstrand. Doch zunächst hatten wir eine Strecke von zwei Tagen zu bewältigen. Wer uns kennt, der weiß, dass wir bereits den Weg genießen – denn allein dieser ist ja bekanntlich schon unser Ziel. 😉 Nach ein paar Kilometern außerhalb von Marrakesch entdeckten wir am Seitenrand kleinere Stände mit quietsch bunten Plastikstühlen drum rum. Super! Hier wurde für die Fahrer on the road frisch gekocht und Tee gereicht. Wir hatten ausnahmsweise an diesem Tag noch nichts gefrühstückt (passiert uns normalerweise nie ;)) und sahen dies als Wink des Schicksals. Es gab für uns lecker Berber Omelette und frischen marokkanischen Minztee. Gestärkt fuhren wir dann weiter.

Die Gegend um uns herum wurde rustikaler und gefühlt ärmlicher. Wie leider sehr häufig in Marokko, war auch hier das Bild der wunderschönen Landschaft mit einem beträchtlichen Schönheitsmakel gebrandmarkt. Überall sammelte sich der Müll. An ein paar Ecken qualmten kleine Plastikhäufchen vor sich hin. Wir hielten an einer Ansammlung von Gemüseständen und deckten uns für das nächste Abendessen ein. Aus den Augenwinkeln nahmen wir noch wahr, wie der Gemüsehändler seinen kleinen Sohn mit den süßen runden Knopfaugen ermutigte, uns um ein paar Dirham zu erleichtern… Die kulinarischen Möglichkeiten hier sind überwältigend, trotzdem wurden wir in vielen Situationen und Augenblicken daran erinnert, dass viele Marokkaner keinesfalls das Leben nur annähernd so kennen, wie wir es als gutsituierte Deutsche führen. Und trotzdem: Die Herzlichkeit und Selbstlosigkeit der Menschen auf unserem Weg, hat uns sehr viel gelehrt und zum Nachdenken angeregt.

Auf dem kleinen Hühnerhof

Ein Mann, der gerade sein Feld bestellte hielt kurz inne, um uns über seinen Zaun aus Ranken und Kakteen zuzuwinken und zu fragen, wie es uns so geht. Labass? Wir fragten ihn in Zeichensprache, ob wir auf seinem Feld heute schlafen konnten. Er sprach kein Französisch, wir nur ein paar Brocken Arabisch. Aber alles kein Problem! Er winkte uns zu sich herum und schloss hinter uns sein aus einem roten Netz improvisiertes Gatter zu seiner Einfahrt. Er bot uns an, bei ihm im Haus zu schlafen, dass wir anfangs gar nicht gesehen hatten. Dies lehnten wir aber ab. Es war im Prinzip so klein wie sein Hühnerstall und wir wollten ihm das klein wenig Privatsphäre auf keinen Fall wegnehmen. Generell wollten wir so wenig Umstände, wie möglich machen und den netten Mann nicht aufhalten oder im Weg stehen. Um uns herum gackerten die Hühner sowie Truthähne und ein überraschter Esel wieherte auf. Wir suchten uns also eine ruhige Ecke und breiteten unseren Biwak-Sack aus. Damit hatten wir am wenigsten Arbeit und der Mann hatte weiterhin viel Platz in seinem eigenen kleinen Reich.

Wir bemerkten, dass er wohl alleine hier zu leben schien. Kurzerhand kochten wir einfach die dreifache Ration von dem, was wir sonst uns zu Essen machten und reichten ihm einen dampfenden Teller mit Brot. Er grinste über beide Ohren und innerhalb weniger Minuten bekamen wir ihn leer wieder zurück. Für uns gesehen war es nur ein simples Essen, für ihn aber vielleicht nicht. Fließend Wasser, geschweige denn eine Toilette, gab es hier nicht. Stattdessen reichte er uns eine kurz erhitzte Kanne mit Wasser und machte eine Gestik auf sein Feld hinaus – Desert… Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von ihm. Wir umarmten uns herzlich und bekamen noch kurz vor Abfahrt ein Glas Tee zur Stärkung. Wie man merkt: keine Touristen – keine Probleme…

Motivation, wo bist du geblieben?

Dieser Tag war sehr anstrengend. Wir kamen irgendwie nicht wirklich voran und das Wetter zog zu. Wieder einmal hatten wir Gegenwind und die Sicht wurde immer schlimmer. Irgendwann sahen wir nur noch knappe 5 Meter weit. Wir schalteten unsere Lichter ein, zogen unsere Warnwesten an und bangten, dass wir nicht ausversehen über den Haufen gefahren wurden. So ging das nicht weiter. Unsere Laune sank gen Null und insgeheim wünschten wir uns doch irgendwie schon in Essaouira zu sein.

Nach etwa weiteren drei Stunden kamen wir dann an eine Parkbucht. Neben einigen Autos standen auch Kamele dort herum. Als wir näher kamen, war uns klar warum. Von hier aus hatte man einen traumhaft schönen Ausblick auf das Meer. Einer der Kamelmänner kam zu uns und fragte, ob wir nicht eine Runde mit dem Kamel drehen wollten. Wir lachten und sagten, dass wir lieber mit unserem Pikala (also Fahrrad) vorliebnahmen.

Am Strand angekommen, fuhren wir erst einmal an der Küste entlang. Der Strand hier war im Gegensatz zu Melli´s früheren Stranderfahrungen in Marokko sehr fein und sauber. Trotzdem, irgendwas fehlte. Ja genau! Es war kein Sommer und dementsprechend war das Wasser auch ziemlich kalt. Da in Essaouira auch viel Betrieb herrscht und dort sehr viele Touristen sind, würden wir wohl auch nicht unbehelligt unser Nachtlager hier aufschlagen können. Kurzerhand ging es also den Weg, den wir vor ein paar Stunden jauchzend bergab gefahren sind, wieder schwitzend hinauf. Oben angekommen hatten wir dann unser Plätzchen fernab vom Trubel und mit wunderbaren Blick auf die Küste.

Unterwegs mit der Kolonne

Ein neuer Tag brach an. Es gab Tage, da läuft´s einfach. Und dann gab´s die Tage, da kann man sich nur schwer aus seinem Tief raushieven. Man verfällt in sinnlose Haarspaltereien, geht sich gegenseitig auf die Nerven und ärgert sich über sich selbst… Seitdem uns unsere zwei blöden Missgeschicke ereilten (#1 Fahrradrahmen & #2 Smartphone), kamen diese Tage leider öfter vor. Das Schlimmste dabei aber war: Wir hatten gerade absolut keine Lust noch eine Umdrehung mehr auf unseren Rädern zu treten. Wir fühlten uns absolut durch und geschlaucht. Als hätten wir tagelang keine Pause mehr gemacht. Was wir tatsächlich irgendwie nicht gemacht hatten…  Dann hielt plötzlich ein LKW. Dahinter dann noch ein Bus und noch einer. Eine ganze Kolonne kam zum Stillstand. Was war denn nun los?!

Eine Gruppe Reisende aus Deutschland und der Schweiz hatten sich auf der Überfahrt von Spanien nach Marokko kennengelernt und erkundeten gemeinsam das Land. Nun waren sie auf dem Rückweg Richtung Tanger, um dort ihre Fähre gen Heimat zu erwischen. Die bunte Truppe war sehr lustig und wir fühlten uns sofort pudelwohl. Gemeinsam mit ihnen fuhren wir bis nach Casablanca, unserem nächsten Stopp, mit. Wir waren überrascht. Die beiden LKW´s waren in Wirklichkeit umgebaute Camper und für lange autarke Reisen ausgelegt. Für uns beide war es das erste Mal, dass wir sowas von Innen mal inspizieren konnten. Abwechselnd durften wir über die gesamte Strecke in jedem Auto mal mitfahren. Und wir müssen schon zugeben, schon die hoch über der Straße thronenden ultra bequemen gefederten Sitze, die so leicht auf und ab schwingen, waren ein Erlebnis. Unseren Radlhintern sei Dank. Noch etwas war anders als sonst… Unsere Spitzengeschwindigkeit der letzten 5 Monate lag etwa bei 60km/h (allerdings nur für etwa 1 Minute bergab und auch nur bei Dani – Melli war es einfach zu schnell). Ansonsten lag unsere Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 10 und 17km/h. Nun fühlten wir uns wie auf einer Überholspur. Vollkommen mühelos rauschten wir die Hügel hinauf, ohne dass auch nur ein Tropfen Schweiß fiel.

Allein und doch gemeinsam

Allerdings konnten wir nun auch die kleinen Veränderungen nicht mehr so gut verfolgen. Mit dem Rad ist die Reisegeschwindigkeit eben genau richtig, um voran zu kommen. Und doch nimmt man Alltagssituationen anders, ja intensiver wahr. Z.B. die Menschen, die sich am Straßenrand zur Begrüßung umarmten und mit Küsschen überhäuften. Oder der kleine barfüßige Junge, der vor einer mit Wellblech überdeckten Hütte mit einem Welpen spielte. Die Gerüche, die gegenüber vom verrußten Grill herüberwehten und uns das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen… Alles hatte also seine Vor- und Nachteile. 😉

Wir legten einen Stopp zum Mittagessen ein. Die Küste, die links neben der Straße steil hinabfiel, sah herrlich aus. Kurzerhand wurde in den Küchen der LKW-Mobile Salat und Omelette gezaubert und wir genossen einfach die herrliche Ruhe. Die Möwen kreisten und unsere bunte Reisegruppe konnte das schöne Panorama ganz für sich alleine genießen. Außer uns schien niemand hier zu sein. Am Abend war es nicht schwer einen ebenso schönen Platz direkt am Meer zu finden. Auch wenn wir die lieben Menschen erst seit ein paar Stunden kannten… Wir fühlten uns sofort wohl und es war, als würden wir alle schon viel länger zusammen unterwegs sein. Zum Abendessen gab es lecker selbst gekochten Couscous mit Gemüse – und tatsächlich unseren ersten marokkanischen Wein. Wir stießen auf uns alle an. Ein wirklich gelungener Tag. Morgen würden sich unsere Wege wieder trennen.

Ein lachendes und ein weinendes Auge

Unsere Reisetruppe wollte uns direkt vor der Haustür von Melli´s Verwandten absetzen. Nachdem sich unsere Begleiter tapfer durch den marokkanischen Großstadt-Verkehr gekämpft hatten, hieß es Abschied nehmen. Melli durchlebte gemischte Gefühle. Einerseits freute sie sich hier in Casablanca zu sein. Das letzte Mal war vor genau 15 Jahren. Auf der anderen Seite war da natürlich große Trauer und auch Ungewissheit. Hier hatte ihre Oma vor 10 Jahren ihren letzten Heimaturlaub verbracht (sie war Marokkanerin) und war dann dort unvermittelt verstorben. Melli hatte keine Möglichkeit gehabt Abschied zu nehmen und es auch die kommenden Jahre nicht über´s Herz gebracht, nach Marokko zu reisen. Wie würden uns die Verwandten aufnehmen? Erkannten sie Melli überhaupt noch und umgekehrt?

Das Wiedersehen war sehr schön. Alte Fotos wurden ausgetauscht und Geschichten von damals erzählt. Melli´s Großtante kochte wie ein Weltmeister und wir waren uns nach dem ersten Bissen einig: Sie sollte ein Restaurant eröffnen! So unglaublich lecker und unserer Meinung nach viel, viel besser, als man irgendwo in einem traditionellen Restaurant bestellen konnte! Es gab Harrera (traditionelle Suppe v.a. an Ramadan), Msmen, Tajine, große Fischplatten und noch so viel mehr köstliche Speisen, die wir lange nicht vergessen werden. Dann war es an der Zeit, das Grab zu besuchen. Melli fürchtete sich sehr davor. Sie durchlebte eine unglaubliche Traurigkeit und dann kam der innere Frieden. Es war wichtig und richtig dass sie heute hier war, ihre Oma ist ja immerhin weiterhin ein Teil von ihr.

Erfahrungen

Hast du auch schon einen abenteuerlichen Stunt hingelegt und Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht? Welche Erfahrungen hast du im Ausland bezüglich Reparaturen machen können? Was läuft dort einfacher, was nicht?

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Vorgeschmack auf Marokko Teil V

Unsere kulinarische Reise durch Marokko geht weiter. Endlich wieder Fahrradfahren! Wir werden wieder verwöhnt und kosten noch viele weitere Delikatessen des Landes. In Beni-Mellal müssen sogar Schnecken dran glauben (oder eher wir?!) und auf einem kleinen Hof werden vor unseren Augen zwei Hühner für das Abendessen geschlachtet.

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Video-Serie über Marokko

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