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Ob Schnecken schmecken? – unsere Fahrradweltreise durch Marokko Teil V

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Lesezeit: 16 Minuten

Unsere Zeit in Marokko neigt sich leider dem Ende zu. Trotzdem erwarten uns fast täglich neue Überraschungen. Wir übernachten auf einem kleinen Bauernhof, bei einer sich selbst versorgenden Familie. Für das Abendessen werden vor unseren Augen zwei Hühner geschlachtet. In Beni-Mellal kommen wir tatsächlich noch in den Genuß, (?!) Schnecken zu verspeisen. Bei einer Tankstelle finden wir uns dann ganz unvermittelt bei Gesellschaft eines Pfaufs vor einer heißen Grillplatte wieder…

Wir könnten ganze Bücher füllen, rein mit unseren täglichen Erlebnissen, nur in Marokko. In unserer Video-Serie über dieses Land haben wir das Erlebte zum Teil auch auf bewegten Bildern festhalten können. Am Ende dieser Seite kannst du dir die Videos dazu ansehen 🙂

Auf unserer Patreon und Steady Seite kannst du dir die neuesten Videos schon vor der Veröffentlichung freischalten. 😉 Wenn du wissen möchtest, wo genau wir entlang geradelt sind, schau doch mal in unseren Basar. Dort findest du die gesamten GPX-Daten mit zusätzlichen Infos zur Routenplanung.

Sehr gerne wären wir noch länger bei Melli´s Verwandten in Casablanca geblieben. Ein fieser Stempel im Reisepass erinnerte uns aber daran, dass unser Aufenthalt in Marokko begrenzt war. Immerhin wollten wir ja noch einiges vom Land mit dem Rad erkunden. Ausgestattet mit reichlich Reiseproviant, ging es zunächst nach Mohammedia. Dort besuchten wir eine Freundin eines Bekannten aus Marrakesch. Sie freute sich schon sehr auf uns und wir natürlich auch auf sie. Leider konnten wir auch hier nicht ewig verweilen und planten bereits für den nächsten Tag unsere Weiterfahrt. Wir machten zusammen eine kleine Spritztour durch den Ort und Dani nahm eine unfreiwillige Dusche mit kaltem Meerwasser. Sie versuchte wirklich alles, um uns noch zu überzeugen, etwas länger zu bleiben. Dabei zählte sie die Gerichte auf, die sie noch mit uns essen wollte, oder Orte, die sie mit uns besuchen wollte. Wie man sich vorstellen kann, war es sehr, sehr hart für uns „nein“ zu sagen. Schon öfter dachten wir uns, dass ein 90 Tage Visum für eine Radtour durch ganz Marokko wahrscheinlich nicht reichen wird….

Am nächsten Morgen hieß es also leider weiter fahren. Wir wurden noch ein ganzes Stück weit mit dem Auto begleitet, bis wir dann voneinander Abschied nahmen. Von jetzt an war es wieder sehr einfach zu fahren. Allgemein stellte sich das Radfahren in Marokko für uns als sehr simpel heraus. Die Ortsschilder waren (meistens jedenfalls) zweisprachig beschriftet. So würden auch diejenigen, die des Arabischen nicht mächtig sind, wissen wo´s lang geht. Lediglich in größeren Städten oder für den Besuch bei einem Couchsurfing Host benötigten wir unser Navi.

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Déjà-vu Polizeikontrolle

Gegen 15:30 Uhr kamen wir in die nächste größere Ortschaft: El Gara. Dort wurden wir seit langem mal wieder nach unseren Reisepässen gefragt. Auch das altbekannte Frage-Antwort-Spiel ging wieder von vorne los. Seid ihr verheiratet? Wo wollt ihr hin? Wo schlaft ihr heute Nacht? Wir hatten festgestellt, dass diese Art von Kontrollen uns nur rund um die Atlas-Regionen ereilte. Wir vermuteten stark, dass dies mit der Tragödie der zwei ermordeten Skandinavierinnen im Jahr 2018 zu tun hatte. Zum Glück können wir sagen, dass während unserer gesamten Reise durch Marokko weder gefährliche Situationen entstanden sind, noch wir uns wirklich bedroht fühlten.

Der Polizei sagten wir, wir wären verheiratet, um Komplikationen zu vermeiden. Als nächstes Ziel gaben wir Beni-Mellal an, was absolut der Wahrheit entsprach. Allerdings führen bekanntlich ja viele Wege zum Ziel. Sie kannten natürlich den besten Weg nach Beni-Mellal – der über die brechend volle Nationalstraße führte, wo wir bei den Abgasen kaum atmen konnten. Sie winkten, dass wir ihnen folgen sollten. Wir schmunzelten ein wenig. Dachten diese zwei Herren tatsächlich, dass wir heute noch Beni-Mellal erreichen würden? Bis dahin waren es noch über 150 Kilometer. An guten Tagen fuhren wir bis zu 90 Kilometern am Stück… Wieder einmal sahen wir uns Leuten gegenüber, die absolut kein Verständnis davon hatten, wieviel auch nur 50 Kilometer für einen Radfahrer (keinen Rennradfahrer) bedeuten konnten. Wir persönlich hatten schon längst beschlossen, heute maximal nur noch 5 bis 10 Kilometer zu fahren. Wieder winkten die Polizisten uns zu und bedeuteten uns ihnen zu folgen. Sie bogen rechts ab, wir fuhren weiter gerade aus. Wir hatten uns bereits eine kleinere Straße auf dem Navi rausgesucht und fuhren jetzt munter durch die Wohnblocks.

Ist es tatsächlich nicht sicher hier?!

Am letzten Haus angekommen wurde die Straße holpriger und ab und an teilten wir uns die kleine Straße mit einem Pferdegespann oder Auto. Zwei Männer kamen uns sehr langsam in einem verrosteten Polo entgegen gefahren. Sie schauten uns ungläubig an. Sie fragten, ob es uns gut ginge und meinten, hier wäre es nicht so sicher für uns. Wir fuhren weiter. Ein junger Mann kam uns zu Fuß entgegen. Auch er vergewisserte sich, dass es uns gut ginge und unterhielt sich freundlich mit uns. Er warnte uns gerade vor streunenden Hunden, die vor allem nachts die Gegend unsicher machten. In dem Moment kam ein weiteres verbeultes Auto vorgefahren. Darin saßen zwei grimmig dreinschauende Polizisten. Sie unterhielten sich kurz auf Arabisch mit dem jungen Mann. Dann fragten sie uns wieder die Standardfrage: Alles ok? Wir versicherten, dass der Mann freundlich zu uns war und es uns gut ginge. Anscheinend wurde dieser verdächtigt, gegenüber uns Touristen etwas im Schilde zu führen. Wir hatten keine Lust auf weitere Frage-Spielchen und verabschiedeten uns freundlich.

Wenn wir einen Schlafplatz aussuchen, achten wir stets darauf, dass wir entweder unauffällig im Hinterland verschwinden oder wir fragen direkt die Anwohner, wo es sicher sei ein Zelt aufzuschlagen. Oft campierten wir z.B. hinter einem Café, wo ständig Betrieb herrschte und die Möglichkeit ausgeraubt zu werden gering schien. Hier waren nur einzeln verstreute Häuschen, dafür viele Felder, die gerade bewirtschaftet wurden. Eine junge Frau grinste uns aus ihrem Vorgarten aus an. Wir fragten, ob wir im Garten unser Zelt aufschlagen konnten. Innerhalb weniger Sekunden war die ganze Familie neugierig am Zaun erschienen und das Familienoberhaupt, der Papa, konnte als einziger Französisch. Er lud uns mit einem Grinsen ein, herein zu kommen. Dann folgte ein kurzer Austausch auf Arabisch zwischen ihm und den Damen des Hauses. Keine Widerrede, wir sollten im Haus schlafen! Die Polizei hatte auch irgendwie Wind davon bekommen, aber alles gut und kein Problem für die netten Leute. Die ganze Familie hieß uns herzlich Willkommen.

Wir wurden im ersten Stock, im traditionellen Wohnraum einquartiert und bekamen sofort heißen marokkanischen Tee eingeschenkt. Gleich darauf wurde uns Rührei und Brot gereicht. Wir freuten uns sehr, denn wie an jedem Radeltag, waren wir sehr hungrig. Ein Mann und eine alte Frau kamen herein. Sie begrüßten uns und setzten sich zu uns. Das war der Bruder des Hausherrn, er konnte ebenfalls Französisch und übersetzte für die Dame. Bald darauf erschien eine noch viel ältere Frau. Sie hatte sogar noch mehr Falten im Gesicht und ein typisches Berber-Tattoo am Kinn. Außerdem schien sie noch viel mehr zu strahlen, als die Besucherin zuvor.

Rundgang auf dem Bauernhof

Wir wurden mit nach draußen geführt und machten zusammen mit dem Hausherrn einen Rundgang über den kleinen Hof. Das fanden wir wirklich spitze. Wir erfuhren nun endlich einmal, wie hier die Leute auf dem Land lebten, die sich komplett selbst versorgten. Dieses Leben war zwar sehr einfach, aber im Prinzip gab es hier alles, was man zum Leben tatsächlich brauchte. Im kleinen Garten gab es einen Olivenbaum, einen Feigenbaum und einen Granatapfelbaum. Leider trugen die Bäume um diese Jahreszeit keine Früchte. Begrenzt wurde der Garten durch einen natürlichen Zaun aus Kakteen. Diese sahen sehr mitgenommen aus. Es hatte den Anschein, als würden sie regelrecht vor sich hin gammeln. Der Bauer erklärte uns traurig, dass dieses Problem nun schon seit einem Jahr in ganz Marokko auftreten würde. Die Kaktusfrüchte konnte er nun nicht mehr verkaufen.

Wir gingen weiter zu den Ställen. Dort wurde eine Milchkuh mit ihrem Kalb gehalten. Daneben gab es einen Verschlag für seine Schafe und einen separaten für die Schafe seines Bruders. Währenddessen wuselte die Alte, die wir zuletzt kennengelernt hatten, unermüdlich über den Hof. Sie sammelte Heu in einem Sack für die Viecher und bereitete die Fütterung der anderen Tiere vor. Wir staunten nicht schlecht, wie fit sie noch war. Sie wollte sich bei nichts helfen lassen. Angeblich sei sie ungefähr 90 Jahre alt. Es ist keine Seltenheit, dass es keine Papiere über die Geburt von älteren Marokkanern gibt. Aus diesem Grund wird häufig das Alter der Älteren geschätzt, weil die Personen es meist nicht einmal selbst wissen. Wir wussten nicht, ob die Dame tatsächlich so alt war, vom äußeren Erscheinungsbild, könnte es zutreffen. Aber sei´s drum. Diese Alte ließ es sich selbst in ihrem Alter nicht nehmen, selbst Hand anzulegen am Hof.

Frisch gerupft

Die Kinder kamen herbeigerannt und auch die anderen Frauen kamen dazu. Sie grinsten uns alle an, zeigten auf ein vorbeiflitzendes Huhn und zogen symbolisch einen Finger über die Kehle. Heut gab´s wohl frisches Hühnchen und wir durften live dabei sein. Das jüngste Mädel fing zwei Hühner ein und überreichte sie stolz dem Papa. Der wetzte schon die Klinge und dann ging es ziemlich schnell. Es folgte ein kurzer Schnitt am Hals, wobei er nicht durchtrennt wurde und unser künftiges Abendessen wurde wieder los gelassen. Die zwei auserwählten Hühner rannten mit hängenden Köpfen kurz im Kreis und dann war es auch schon vorbei. Wir kannten uns nicht ganz so gut in der Schlachtung aus, kamen aber zu dem Schluss, dass der Bauer seine Sache wohl gut gemacht haben musste. Wenn die Hühner gelitten haben sollten, war dies nur von sehr kurzer Dauer.

Die Älteste und die Frau des Bauern machten sich gleich daran die Hühner zu rupfen und auszunehmen. Eine Tochter kam mit einer dampfenden Kanne heran und sie wurden mit heißem Wasser abgespült. Wir entdeckten dabei mehrere orange-rot leuchtende Kugeln von der Größe eines Wachteleis. Uns wurde erklärt, dass es sich hier tatsächlich um Eier handelte. Diese waren eben noch im Reifeprozess, wurden später aber ebenso mit gekocht. Die Männer speisten in einem separaten Raum getrennt von den Frauen und Kindern. Melli hatte das Privileg als Gast ebenso am Männertisch mit sitzen zu dürfen. Das Essen schmeckte einfach herrlich. Dieses Gericht hatten wir noch nie zuvor probiert und es war auch das letzte Mal, dass wir es in unserer Zeit in Marokko zu Gesicht bekamen. Einmal abgesehen vom Huhn in der Mitte, gab es drum herum ein paar Linsen und reichlich – hm ja… um genau zu sein, wissen wir es nicht… vielleicht eine Art Couscous, aber viel herber und salzig? Als Dank gaben wir der Familie unter anderem unser Gemüse und andere Lebensmittel.

Am nächsten Morgen wurden wir nicht eher hinausgelassen, bis wir nicht vernünftig gefrühstückt hatten. Neben Tee gab es Brot mit leckerem Olivenöl zum Tunken. Die Alte, die wir am Tag zuvor schon sofort ins Herz geschlossen hatten, wollte uns noch etwas mit auf dem Weg geben. Schnell ging sie zur Tür hinaus und kam kurze Zeit später mit einer ausgedienten 1,5 Liter Cola-Flasche frisch gezapfter Milch zurück. Die Flasche war noch warm und wir freuten uns riesig. Sie schmeckte köstlich. Der Bauer erfüllte dann noch seine Pflicht gegenüber der Polizei und gab Bescheid, dass es uns immer noch gut ging und wir uns jetzt auf den Weg machten. Wir verabschiedeten uns. Es war eine wirklich tolle Erfahrung auf dem Hof!

Ein Hoch auf die marokkanische Küche

In Khouribga machten wir dann eine zwei tägige Pause. Wir ordneten uns neu, wuschen uns und unsere Kleidung und gaben unseren Muskeln und Hintern Zeit zum Entspannen. Danach fuhren wir an einem Tag nach Beni-Mellal durch. Schon von weitem sah man die Berge und ringsherum war alles Grün. Hier, wie auch zuvor in Khouribga, hatten wir Einladungen zum Übernachten bekommen. Zum ersten Mal war unser Gastgeber eine Frau. Dies war in Marokko eher ungewöhnlich, da grundsätzlich der Mann das Sagen hat. Sie war die älteste von drei Schwestern und sonst lebte nur der Vater mit in der Wohnung, der sich allerdings nur selten zeigte. Die Mutter war gestorben, deshalb schmissen jetzt die Töchter und allen voran unsere Gastgeberin den Haushalt. Wir hatten besonderes Glück, denn sie liebte es zu kochen und zu backen. Sie fragte, was wir schon alles in Marokko probiert hatten und legte daraufhin die Gerichte für die nächsten Tage fest. Das Essen schmeckte nicht nur fantastisch, sondern wurde auch mit viel Liebe zum Detail angerichtet. Selbst die Kekse zum Tee und Sfouf (fluffige Brösel u.a. aus Mandeln, Zucker und Mehl) machte sie selbst.

Dann erkundeten wir gemeinsam die Stadt. Den Sonnenuntergang beobachteten wir von der auf dem Berg thronenden Kasbah aus. Der weitläufige Blick auf das Tal war einfach sagenhaft. Am Ende des Horizontes konnten wir Casablanca erahnen. Einfach mega stark – und das Beste daran: Das sind wir alles mit unseren Rädern gefahren. Tolles Gefühl!

Schon mal eine Schnecke probiert?

Auf dem Rückweg durchquerten wir den Souk, wo sich die Händler aneinander reihten. Hier gab es alles. Msmen und Haloua (marokkanische Kekse) wurden hier direkt neben der Metzgerei hergestellt. Dort war gerade ein Mann dabei einen Kuhschädel zu filetieren. Weiter hinten kamen dann die Gewürzstände.

Zielstrebig wurden wir von den drei Schwestern an einen kleinen mobilen Stand geführt. Der Mann dahinter rührte mit der Kelle in einem großen dampfenden Kessel umher. Davor standen unbenutzte Schälchen und eine Dose mit frischen Zahnstochern. Auf der anderen Seite türmten sich Schneckenhäuser. Wir hatten noch nie Schnecken gegessen. Ehrlich gesagt ekelte es uns beim bloßen Gedanken daran. Melli´s Oma hatte sich früher auch manchmal Schnecken gekocht. Irgendwas musste also dran sein. Unsere Begleiterinnen schwärmten zumindest davon. Die Suppe sei auch gut gegen Magen- und Periodenschmerzen. Uns wurde ein Zahnstocher gereicht, mit dem die Schnecke aus ihrem Haus gezogen wurde. Es sah schlicht und ergreifend einfach furchtbar eklig aus. Ok. Augen zu und durch…

Wir erwarteten ein schleimig glitschiges Gefühl auf der Zunge. Überraschenderweise schmeckte es gar nicht so übel (wenn man für einen kurzen Moment verdrängen konnte, dass man eine Schnecke im Mund hatte). Die Konsistenz erinnerte an die der Miesmuscheln, also nur halb so wild. Da wir aber irgendwie das Bild der Schnecken in unseren Köpfen nicht abschütteln konnten, waren wir nach drei Schnecken mehr als bedient und schlürften lieber die aromatisch kräftige und gut gewürzte Suppe.

Taxi, Taxi, Taxi

Wir hatten von einem sehr schönen Stausee gehört, dem Barage Bin El-Ouidane. Dieser lag in den Bergen und war etwa 55 Kilometer entfernt. Die Mädels waren sofort mit dabei und wollten uns begleiten. Wir verzichteten deshalb auf die Räder und fuhren stattdessen gemeinsam mit dem Taxi. Oder eher mit mehreren Taxen, um ehrlich zu sein. Schon in Marrakesch hatten wir nicht verstanden, warum im Taxi nicht alle Plätze belegt wurden. Demzufolge durften auf der Rückbank maximal zwei Personen sitzen und eine Gruppe von mehr als drei Personen musste sich immer auf mehrere Autos aufteilen. So auch hier. Allerdings fuhren wir erst einmal an einen weiteren Taxiplatz außerhalb der Stadt, wo wir das Auto wechseln mussten. Diesmal war es ein Taxi mit sechs freien Plätzen. Ab da wurden die Plätze im Taxi wieder voll belegt. Wir füllten das Taxi quasi auf und konnten sofort losfahren. Im Gegensatz zum Petit Taxi in der Innenstadt, fuhren diese hier erst, wenn alle Plätze belegt waren.

Nachdem wir einige Zeit gefahren sind, gelangten wir an einen kleinen Ort in den Bergen. Dort mussten wir in das dritte Taxi umsteigen. Das fanden wir dann doch irgendwie etwas umständlich. Dann die nächste Überraschung: Das Taxi war wieder kleiner. Nach unserem neu erworbenen Kenntnisstand, waren wir doch jetzt wieder genug Personen, um losfahren zu können?! Nein. Dieses Mal konnten wir erst losfahren, wenn sich insgesamt sechs Personen für die gleiche Route einfanden. Das bedeutete zwei Personen auf dem (für eine Person ausgelegten) Beifahrersitz und vier Personen auf der Rückbank. Verrückt… 😉

Eine Bootsfahrt, die ist lustig

Die Straßen wurden holpriger und wanden sich in Schlangenlinien den Berg hinauf. An den Hängen blühten Mandelbäume. Die Umgebung um uns herum war wirklich wunderschön. Nach gut 2 ½ Stunden Fahrt inklusive Warten erreichten wir dann den Stausee. Er leuchtete grünlich blau und im Hintergrund erhoben sich kleine Berge einer bunten Farbpalette von Gelb, Orange, über Rot hin zu Braun. Es ging geradewegs Richtung See und die Mädels steuerten zielstrebig einen genauen Punkt an. Das Wasser war ein wenig zurückgewichen. Inmitten des sehr breiten Ufers kamen wir vereinzelt an gestrandeten Tretbooten vorbei. Dann erreichten wir eine Menschentraube direkt am Wasser. Mehrere Boote standen zur Abfahrt bereit. Die Mädels redeten kurz mit dem älteren Herrn auf einem der Boote, drehten sich dann zu uns um: „Jalla“ Los gehts. Wir kutterten gemütlich über den See. Aus den Boxen kam marokkanische Musik und wir genossen das Gefühl, einfach nur hier zu sein und unseren Blick über das Wasser schweifen lassen zu können.

Von der Olive zum Öl

Unterwegs sind uns schon des Öfteren kleinere Läden aufgefallen, bei denen größe Behälter mit Oliven sowie frisches Olivenöl verkauft wurde. Nun sahen wir zufällig zum ersten Mal eine Walze, die direkt vor dem Laden rotierte. Natürlich mussten wir sofort anhalten. Fasziniert standen wir nun vor dieser Walze und beobachteten, wie Umdrehung für Umdrehung schwarze Oliven zu Mus verwandelt wurden. Es dauerte nicht lange und wir wurden von den dort arbeitenden Männern entdeckt. Sie fragten, ob wir mal probieren wollten. Sie warteten die Antwort gar nicht erst ab. Gleich darauf bekamen wir zwei kleine Gläser, Tee sowie frisches Brot und Olivenöl. Wir waren uns nicht sicher, ob dies ein Lockangebot sein sollte. Die freundlichen Männer wollten dafür allerdings kein Geld.

Es schmeckte herrlich! Außerdem konnten wir die Männer direkt von unserem Posten aus vor dem Laden bei der Arbeit beobachten. Sie grinsten uns an und neugierig kamen wir näher. Wann bekam man schon einmal die Gelegenheit, hinter die Kulissen schauen zu können? Es war wirklich sehr interessant! Ein Mann kümmerte sich um das entstandene Mus. Es wurde in Flechtkörbe gegeben, die übereinander gestapelt wurden. Eine Presse sorgte dann dafür, dass das dadurch gewonnene Öl unten hinauslief, wo es in ein Becken weitergeleitet wurde. Hier war ein weiterer Mann damit beschäftigt, das Öl weiterzuverarbeiten.

Übernachtung auf dem Olivenfeld

Nicht immer war uns der Wettergott wohl gesonnen. So auch heute. Es fing an zu nieseln und der Wind nahm zu. Nach etwa 30 Kilometern beschlossen wir, dass es keinen Sinn mehr hatte heute weiterzufahren. Nach einer kleinen Ortschaft machten wir ein Feld mit Olivenbäumen aus. Etwas entfernt zur Straße saßen einige Frauen mit Kindern an einem Feuer. Wir fragten sie, ob es in Ordnung wäre, wenn wir hier unser Zelt aufstellen würden. Ein Mann vom naheliegenden Café kam hinzu, der uns und unser Anliegen verstand. Klar, war kein Problem. Wir unterhielten uns noch mit zwei Jugendlichen, die ihr Englisch verbessern wollten und Feuer & Flamme von unseren Fahrrädern waren. Wir bekamen etwas Brot und Orangen geschenkt, dann waren wir wieder allein.

Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Es war ein herrliches Gefühl, wenn man sich gemütlich in seine Schlafsäcke kuscheln und draußen dem Regen lauschen konnte. Es war etwa gegen 23 Uhr, als wir den Schein einer Taschenlampe wahrnahmen sowie ein fragendes Monsieur? Total lieb, wir wurden gefragt, ob wir nicht doch lieber im Haus übernachten wollten, anstatt hier im Regen in unserem Zelt. Wir bedankten uns, aber um diese Uhrzeit hatten wir ehrlich gesagt keine Lust mehr, unsere Sachen zu packen und das Zelt abzubauen. Am nächsten Tag regnete es weiter. Wir waren uns noch uneinig, ob wir eine weitere Nacht auf dem Feld bleiben sollten, oder weiterfahren würden. Erstmal was essen…

Die Wende

Wir aßen gerade unser Mittagessen, als wir plötzlich einen Hauch von Sprühregen spürten. Das konnte doch nicht sein. War unser Zelt etwa undicht? Tatsächlich. In unserem Vorzelt konnten wir deutlich die Tropfen erkennen, die sich breit gemacht hatten. Wir ärgerten uns gewaltig. Gerade weil wir wussten, dass wir während unserer Fahrradweltreise womöglich tagtäglich bei jedem Wetter auf unser Zelt angewiesen sein würden, hatten wir uns für Qualität zu einem deutlich teureren Preis entschieden. Wir hatten nicht viel Zeit uns weiter Gedanken darum zu machen, denn vor unserem Zelt standen drei Männer, die mit uns sprechen wollten.

Sie waren von der Polizei und sagten mal wieder, es sei nicht sicher hier zu schlafen. Hier gäbe es viele Diebe und schlechte Menschen. Im Hintergrund sammelten sich die Leute, mit denen wir am Vortag gesprochen hatten und zeigten dem Sprecher einen Vogel. Wir sagten, dass die Leute hier sehr nett zu uns waren und uns sogar Essen geschenkt hatten. Einer der Jugendlichen schalt sich ein. Er bot an, dass wir bei ihm und seiner Familie einquartiert werden könnten. Die Polizisten wandten sich an uns und fragten, ob wir denjenigen kennen und ob wir uns einverstanden erklären würden. Der Jugendliche hatte uns am Tag zuvor schon eingeladen, zu ihm nach Hause zu kommen und schien keine bösen Absichten zu haben. Er war uns irgendwie sympathisch und wir willigten ein. Die Polizei war glücklich, dass wir verräumt waren und vorerst nicht auf offenem Feld überfallen werden konnten. Begleitetet von ihm und einer Schar von Kindern steuerten wir durch den schlammigen Batz auf die angrenzenden Häuser zu.

Ein Blick hinter die Eisentür

Wir schoben unsere Rädern durch eine Eisentür und fanden uns gleich darauf in einem kleinen Innenhof wieder. Rechts war ein kleiner Raum, der uns zugewiesen wurde. Darin befand sich lediglich eine mit einer marokkanischen Decke abgedeckte Strohmatte und ein Schrank mit Geschirr sowie vielen bunten Decken. Später erfuhren wir, dass dies das Zimmer des Jungen war, der es aber heute uns überließ. Geradeaus weiter befand sich eine kleine spartanische Küche und daneben lag ein weiterer einfacher Raum. Dort schliefen die Mutter und die Oma des Jungen. Die Eltern waren geschieden und das stellte die kleine Familie vor ein großes Problem. Es gab keinen Vater mehr, der sie ernähren konnte und so war die Mutter gezwungen jegliche Arbeit auf den Feldern anzunehmen. Was dabei an Geld herauskam war nicht viel, aus diesem Grund würde sie als Saisonarbeiterin nach Spanien gehen, um Erdbeeren zu pflücken. Der Sohn ging zwar noch zur Schule, allerdings wusste er um die künftige Bürde, die er für die kleine Familie bald zu tragen hatte. Er sagte, seine Mama und die Oma zählten auf ihn, er sei der einzige, der ihnen noch geblieben sei. Aus ihm müsse was werden, denn er würde bald das Geld für die kleine Familie verdienen.

Wir waren tief bewegt von der Geschichte dieser Familie. Sie lebten in ärmlichen Verhältnissen und hatten keine großen Möglichkeiten, dem zu entfliehen. Wie dieser Familie geht es vielen in Marokko so. Wer hier her als Tourist kommt, um Urlaub zu machen, der ahnt es schon, verschließt aber vielleicht die Augen davor. Das ist das Problem anderer Leute… In einer Woche bin ich wieder Zuhause, wo geregelte Verhältnisse herrschen… Auf Umwegen sind wir also in dieses kleine Haus dieser lieben Familie gekommen. Sie besaßen selbst nicht viel, waren aber sehr gastfreundlich und hätten uns wahrscheinlich noch ihr letztes Brot mitgegeben. Tatsächlich konnten wir die selbst gemachte Butter und eine weitere Spezialität der Berber als Beilage für das Brot nicht ablehnen. Wir hingegen bestanden genauso sehr darauf, dass sie das Geld, welches wir ihnen nur zu gerne schenken wollten, annahmen. Traurig, dass wir nicht mehr für sie tun konnten. Jedoch wussten wir, dass sie es auf jeden Fall brauchten.

Meshi Mushkil

Wir wurden herzlich verabschiedet und schoben unsere Räder wieder auf die unbefestigte Straße durch den Matsch. Kurze Zeit später befanden wir uns dann wieder auf einer richtig befahrbaren Straße. Es hatte zum Glück aufgehört zu regnen und die Sonne trocknete unsere Räder. Nach etwa einer Stunde fiel der Dreck recht gut ab. Wir klopften nochmal mit einem Stock nach und befreiten die Bremsen. Melli kämpfte mit Magenproblemen, aber es ging ihr so weit gut, dass sie auf dem Rad sitzen konnte. Wir hatten kurz die weitere Route durchkalkuliert. Im Hinblick der bald auslaufenden Visa sollten wir nicht länger als unbedingt nötig länger an einem Ort verweilen. Wir kamen recht gut voran. Zwar mit einigen Stopps, da Melli das Gefühl hatte, da sei was im Anmarsch, aber zum Glück nicht weiter tragisch. Gegen späten Nachmittag hin ging es ihr allerdings wieder etwas schlechter und wir beschlossen es für heute gut sein zu lassen. Wir hielten an einem großzügig umzäunten Haus und wollten fragen, ob wir im Garten zelten konnten. Der Mann, der wohl als Guard draußen die Stellung hielt, verneinte und meinte, wir sollten doch neben der Straße schlafen.

Nach weiteren 5 Minuten Fahrt kam eine Tankstelle in Sicht, dort wiederholten wir unsere Frage. Hier wurden wir sehr herzlich begrüßt. „Meshi Mushkil– Kein Problem!“ Hinter der Tankstelle war ein großer Garten, wobei der eine Teil für Gäste des Cafés bestimmt war. Ein Mann, wahrscheinlich der Besitzer, sah unsere vollgepackten Räder. Er grinste und zeigte uns eine ruhige ungestörte Ecke, in der wir uns ausbreiten konnten. Es sah hier sehr ordentlich aus und wir entdeckten sogar einen Pfau, der gemütlich über die Wiese stapfte. Wir entfalteten unseren Biwak-Sack und bereiteten den Camping-Kocher für das Abendessen vor. Der Mann erschien wieder und stellte vor uns einen Tisch ab. Er verschwand gleich wieder, um noch zwei Stühle dazuzustellen. Wir freuten uns sehr! Wann hatten wir das letzte Mal an einem Tisch unser Campingmahl verspeist? Dies wurde noch übertroffen, als ein älterer Mann mit einem Tablett erschien und uns eine große Wasserflasche sowie zwei Kaffee brachte. Damit hatten wir  nun wirklich nicht gerechnet, sehr, sehr nett!

Hat hier wer eine Grillplatte bestellt?!

Wir hatten schon öfter das Problem, dass unser Kocher nicht mit uns kochen wollte. Während unserer Reise hatten wir es schon mit verschiedenen Flüssigkeiten ausgetestet: Benzin, Diesel, Spiritus… Mit Benzin kochten wir am besten, außerdem waren die Töpfe danach nicht verrußt. Das marokkanische Benzin schien unserem Kocher wohl nicht zuzusagen. Die Düsen waren relativ schnell verstopft. Seitdem wir in Marokko waren, reinigte Dani fast täglich die Düse und versuchte verzweifelt das Ding zum Feuern zu beschwören. So auch diesmal. Mit einer Nähnadel bewaffnet machte er sich daran, den schmalen Kanal für die Benzinzufuhr zu reinigen. Dann endlich nach einer geschlagenen dreiviertel Stunde, funktionierte der Kocher wieder. Melli wollte noch nichts essen. Ihr ging es nach wie vor schlecht, Dani hingegen haute richtig rein. Es gab Linsen mit Kartoffeln, Karotten und Tomaten.

Es fing an zu dämmern und wir kochten uns Tee. In Beni-Mellal hatten wir getrocknete Louisa-Blätter geschenkt bekommen. Sie halfen u.a. bei Magenbeschwerden oder Schwierigkeiten beim Einschlafen. Der Tee schmeckte gut und ob eingebildet oder nicht, Melli ging es wieder einigermaßen besser. Erst recht, als dann wieder der Mann, der uns den Platz zum Schlafen gezeigt hatte, zu uns kam. Er trug einen Brotkorb und ein Tablett mit zwei großen Tellern. Auf dem einen war ein herrlicher Salat aus Eiern, Reis, Tomaten und Oliven angerichtet. Auf dem anderen gegrillte Tomaten, eine gute Portion Kefta (Hackfleischbällchen) und eine Peperoni. Wir waren voll von den Socken! Der Mann grinste nur und wollte kein Geld von uns. Da konnte sich selbst Melli nicht mehr zurückhalten und griff beherzt zu.

Ja… Die marokkanische Küche werden wir schon sehr vermissen! Aber auch die herzlichen Menschen, von denen wir so viel während unserer Reise gelernt haben. Sie alle waren so freundlich zu uns. Einigen konnten wir auch etwas zurückgeben und helfen. So viel mehr hätten es verdient….

Schon mal Schnecken verspeist?

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