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Planet Erde war gestern – unsere Fahrradweltreise durch Marokko Teil III

Lesezeit: 16 Minuten

Im letzten Teil unserer Marokko-Serie wurde spontan für uns eine kleine marokkanische Hochzeit abgehalten. Diesmal geht es über Erfoud und Merzouga mit den Rädern direkt in die Wüste. In Tinghir machen wir dann einen Abstecher in die Todra Schlucht. Plötzlich geht es Dani wieder schlechter und er muss sogar ins Krankenhaus… Je weiter wir in den Süden von Marokko fahren, desto mehr wandelt sich auch die Landschaft. Sind wir überhaupt noch auf dem Planeten Erde?!

Natürlich mussten wir die faszinierende Schönheit der Landschaft Marokkos auch videotechnisch festhalten. 😉 Am Ende dieser Seite gelangst du zu unserer Video-Reihe über Marokko sobald sie veröffentlicht wurde. Falls du jedoch nicht warten kannst, schau mal auf Patreon vorbei. Dort kannst du dir den Zugang vorher schon freischalten. 😉

Von Errachidia aus ging es Richtung Erfoud und Merzouga, wo sich die Vegetation nochmal total veränderte. Schon kurz vor der Ankunft in Erfoud merkten wir gleich, dass hier auch ein anderer Wind wehte. Schon allein die Cafés sahen ausgeschmückter, ja etwas kunstvoller aus. Hier spielte der Tourismus eine bedeutendere Rolle, als z.B. in Errachidia oder Midelt. Viele Jeeps mit dicken Logos heizten an uns vorbei. Hinterm Steuer saßen meist Männer mit verspiegelter Sonnenbrille sowie Turban und Touristen. Im Vorbeifahren wurde uns an diesem Tag gleich dreimal angeboten, bei einem super tollen Campingplatz einzuchecken. Offensichtlich sahen wir nicht wie übliche Hotelgäste aus, aber Profit könnte man ja vielleicht trotzdem noch mit uns machen. Wir verneinten lächelnd. Wenn es die Möglichkeit auf Wildcamping gab, zogen wir die Unabhängigkeit lieber vor. 😉

Ein Blick in die Küche

Wir hatten allerdings mal wieder Glück und lernten über Couchsurfing eine super nette Familie kennen. Zusammen mit Vater und Mutter lebten wir dann für einige Tage mit den drei Söhnen im Alter von 23, 15 und 10 Jahren zusammen. Diesmal konnten wir besonders intensiv und zum ersten Mal in den Alltag einer „modernen“ marokkanischen Familie hineinschnuppern. Auch dort wurden wir wieder im traditionellen Wohnraum untergebracht. Alle waren wunderbar herzlich und bereits nach wenigen Stunden gehörten auch wir wie selbstverständlich zur Familie. Gemeinsam mit dem ältesten Sohn erkundeten wir das bunte Markttreiben im Souk und die nahe gelegenen Stätten, in denen die vor Ort gefundenen Fossilien geschliffen und verkauft wurden. Melli hatte öfter Gelegenheit beim Kochen über die Schulter zu schauen und mitzuhelfen. Die marokkanische Küche ist einfach köstlich und jedes Gericht, das wir bisher gegessen hatten, war total lecker.

Da gab es z.B. Madfouna, das typische Gericht der Regionen Erfoud und Rissani. Darunter versteht man ein Brot gebacken mit einer frischen Füllung, wie etwa Gemüse und Fleisch. Aber auch das klassische Tajine, oder den Couscous, den ein Moslem freitags isst, konnten wir uns schmecken lassen. Eine weitere Köstlichkeit, die wir probieren konnten, war beispielsweise auch Kefta (Hackfleischbällchen mit Minze) – als Alternativgericht anstelle von Hack auch mal mit Sardinen geformte Bällchen. Standardmäßig gab es dazu immer frisches Brot, welches die meisten Familien, wie hier in einem großen rustikalen Ofen, selbst backten.

Gute Bildung ohne Perspektive

Die Familie, bei der wir zu Gast waren, legte großen Wert auf Bildung. All ihre Kinder hatten in ihrer bisherigen Schullaufbahn hervorragende Noten geschrieben und wurden sogar des Öfteren ausgezeichnet. Der Jüngste besuchte eine Privatschule, in der wie bei uns in Deutschland von 8:00 bis ca. 16:00 Uhr montags bis freitags gelehrt wird. Der Mittlere wechselte von der Privatschule zurück auf die öffentliche Schule und hatte somit auch den kompletten Samstag nur fürs Lernen verplant. An den Abenden besuchte er sogar noch zusätzlich Sprachunterricht. Für ihn bedeutete es also jeden Tag bis etwa 23:30 Uhr pauken. Wir waren baff. Ganz schön tapfer! Mittags kamen alle Kinder zum Essen immer nach Hause, Abendessen gab es dann meist gegen 21:30 Uhr bzw. für Nachzügler kurz vor Mitternacht. Für uns natürlich total ungewohnt und viel zu spät. In Deutschland aßen wir sonst zwischen 18:00 und 20:00 Uhr zu Abend. Der älteste Sohn absolvierte erfolgreich seine Schullaufbahn und war daher auf Jobsuche, bisher jedoch leider ohne Erfolg.

Wie wir während unserer Reise in Marokko festgestellt hatten, war dies ein generelles Problem hier, wie uns die Marokkaner erzählten. Da konnten die Noten noch so gut sein, aber eine anständige und vor allem halbwegs gut bezahlte Arbeit zu finden, war sehr schwer und meist für alle Familienmitglieder sehr frustrierend. Aus diesem Grund versuchen viele junge Marokkaner ihr Glück im Ausland. Gerade die Frage, wie man einen Langzeitaufenthalt in Deutschland genehmigt bekäme, wurde uns öfter unterwegs gestellt. Wir sind zwar keine Experten in diesen Sachen, jedoch haben wir bisher immer unsere Unterstützung angeboten, was die Jobsuche sowie Erstellung der Bewerbungsunterlagen angeht.

Auch haben die Menschen von Deutschland eine etwas andere Wahrnehmung. Dort sei alles toll, man verdiene sehr gutes Geld und fahre natürlich standardmäßig einen neuen BMW oder Mercedes. Vielen ist allerdings nicht klar, dass obwohl natürlich die Lebensumstände sehr viel besser sind und auch das Gehalt im Vergleich sehr viel höher ausfällt, dafür andere Teile nicht ganz so dem Wunschdenken entsprechen. Im Normalfall arbeitet der deutsche Bürger 40 Stunden die Woche, es gibt viele, die darüber hinaus noch einen Nebenjob haben. Das erwirtschaftete Geld fließt dann meist unmittelbar in die zu bezahlende Miete für die Wohnung, Essen, Kleidung und andere Konsumgüter. Dann ist da noch der Lebensstil. Was vielen Ausländern nicht klar ist, sind die hohen Summen, die für den Erhalt eines gewissen Lebensstandardes ausgegebenen werden. Dafür wird auch öfter mal eine Verschuldung in Kauf genommen. Für die Anschaffung eines Autos z.B. nehmen viele Deutsche einen Kredit auf oder zahlen viel zu hohe Leasingraten.

Krankheit ade

Dani ging es leider nicht ganz so gut. Wahrscheinlich hatte er sich bei einem kranken Kind im letzten Ort angesteckt und brütete seither etwas aus. Die Mandeln schwollen an und er merkte eine deutliche Entzündung im Rachenraum. Wir besorgten Antibiotikum weil es ohne einfach nicht besser wurde und hofften, dass eine Ruhephase den Körper wieder auf den Damm bringen würde. An eine Weiterfahrt in diesem Zustand war also erstmal nicht zu denken. So kam es, dass aus einer geplanten Nacht in Erfoud, plötzlich sechs Nächte wurden. Die Situation war uns schon sehr unangenehm. Wir wollten der Familie nicht zur Last fallen und noch mehr Arbeit machen. Allerdings ließen sie uns auch nicht eher fahren, bis Dani wieder komplett genesen war.

Nachdem es Dani wieder einigermaßen besser ging, machten wir uns bereit für den Aufbruch. Auch hier fiel uns der Abschied wieder sehr schwer. Wieder hatten wir ganz besondere Menschen auf unserer Reise kennengelernt, die wir in unser Herz schlossen. Zum Abschied hatten wir zwei auch ganz besondere Geschenke erhalten: eine feierliche weiße Djellaba mit Kappe für Dani und einen wunderschönen Kaftan in Türkis mit goldenen Stickereien für Melli. Wir waren einfach nur noch überwältigt von dieser Geste und Herzlichkeit!

Willkommen in der Wüste

Weiter ging es nach Merzouga. Laut den Marokkanern, die wir bisher zu diesem Ort befragt hatten, sollte es dort total super sein. So romantisch, auf einem Kamelrücken über die Dünen zu reiten, immer dem Sonnenuntergang entgegen… Der Zauber der Sahara eben. Die ersten Worte, die wir hier und sogar auf Deutsch hörten, waren „Willkommen in der Wüste“. Da sind wir nun tatsächlich in eine richtige Touristengegend geraten.

Unsere Vorfreude wurde etwas getrübt, als wir gleich nach dem Eintreffen von diversen Seiten die Rufe von Hotel und Camping zugeworfen bekamen. Ein Mann mit toller in Gold bestickten Djellaba, (so nennt man den traditionellen Umhang mit spitz zulaufender Kapuze), stürzte sich dafür sogar in unsere Fahrbahn. „Just one minute.“ Wir wollten eigentlich nur unsere Ruhe und einen gemütlichen Platz zum Schlafen irgendwo in den Dünen. Mit enttäuschter Miene packten auch die Männer mit ihren Fossilien und Kristallen ihre Waren wieder ein, die sie gehofft hatten, an uns verkaufen zu können. Tat uns schon irgendwie Leid, aber es gab ja hier genug andere Touristen, die mehr Platz in ihren Taschen hatten als wir. Für Essen würden wir allerdings immer irgendwo noch ein kleines freies Eckchen finden. 😉 Bei allen anderen Dingen überlegten wir genau, ob die Größe und das Gewicht des Objekts der Begierde noch mindestens zwei weitere Monate innerhalb Marokkos herumgefahren werden konnte.

Free like a bird

Endlich machten wir hinter einer Düne eine kleine Art Oase, also eine Gruppe Bäume, aus. Sie eigneten sich perfekt als Nachtlager. Auch eine Feuerstelle war schon dort. Allerdings gab es da ein kleines Problem. Das hieß Sand. Wer schon einmal auf Sand gefahren ist, weiß wie grauenvoll das ist. Ein Fahrrad mit fast 60kg da hindurch zu schieben ist reine Selbstgeißelung. Dani hatte einen Geistesblitz. Er ließ (wie bei einem Jeep) etwas Luft aus seinen Reifen, damit das Rad einfacher zu schieben war. Trotz dieser Maßnahme krochen wir abwechselnd erst das eine, dann das andere Rad schiebend im Schneckentempo über die Dünen. Wie wir am nächsten Tag feststellten, war die Idee (bei nicht verklebten Schlauchmänteln) mit dem Luftablassen nicht ganz so schlau, da sich über Nacht der vordere Reifen verzogen hatte und Sand in die Felge rieselte.

Unser vorher erspähtes Übernachtungslager war eigentlich nicht weit entfernt, doch wirkte es nun wie eine Fata Morgana in der gleißenden Nachmittagssonne. Wir versuchten eine neue Taktik. Abwechselnd legten wir unsere alten Isomatten unter die Räder, um so ganze stolze 4 Meter am Stück etwas leichter vorwärts rollen zu können. Ein junger Tourguide mit kurzen Rastalocken betrachtete belustigt unser Schauspiel. Zuerst fragte er, ob wir nicht in einem ganz tollen Campingplatz, gleich hinter der Häusergruppe unser Zelt aufschlagen wollten. Dort gab es sogar Toiletten und eine Dusche. Wer uns kennt, der kennt auch unsere Antwort darauf. 😉 Wir verneinten freundlich. Er gab es auf und lachte. „Ok, you want to be free like a bird.“ Genau das wollten wir. Anscheinend gaben wir einen sehr bemitleidenswerten Anblick ab, denn er half uns die restlichen 20 Meter zu schieben. Nach gut 45 Minuten hatten wir es dann endlich geschafft, konnten endlich unsere Hängematten aufspannen und endlich unser Abendessen vorbereiten.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Wir beobachteten, wie kleine Gruppen von je 5 bis 7 Dromedaren mit klammernden Touristen drauf unsere Baumgruppe passierten. Viele von den Reitern sahen uns gar nicht. Diejenigen, die uns erspähten, sahen sehr erstaunt aus. Fast so, als seien wir selbst ebenso eine Attraktion wie der Sonnenuntergang, für den sie extra zu dieser Düne in Merzouga gereist waren. Wir fragten uns, wie viele Besucher wohl dachten, dass sie einen exklusiven Kameltrek mit fantastischen Sonnenuntergang vor sich hätten – und anschließend feststellen mussten, dass rund 100 bis 200 andere Touristen in die selbe Richtung geführt worden waren. Der Tourguide, der uns geholfen hatte die Räder durch den Sand zu schieben, sagte uns am nächsten Tag, dass er kein Auge zu machen konnte, da er eben für etwa 200 Touristen nachts Wache geschoben hatte… Aber jeder natürlich, wie er will! Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, wo auch wir vom Abenteuer Wildcamping genug haben… 😉

Salām? My Friend?

Es war schon dunkel und um uns herum wurde es ganz still. Wir waren kurz davor in unsere Hängematten zu schlüpfen, als ein kleiner zarter Lichtkegel auf uns fiel. „Salām? My friend?“ (Hallo? Mein Freund?) Alarmiert schauten wir auf, konnten aber nicht wirklich jemanden erkennen. Wieder kamen dieselben Worte hinter der Baumgruppe in unsere Richtung geweht. Wir stöhnten auf. Waren es wieder irgendwelche Tourguides, die uns trotz später Stunde noch für einen Campingplatz überzeugen wollten? Oder sogar die Polizei, die es wiedermal gar nicht toll fand, wo wir unser Nachtlager aufschlugen? Gewundert hätte es uns nicht. Wir wurden schon länger nicht mehr eskortiert oder von der Polizei auf unsere nächtlichen Pläne angesprochen… Die Person kam näher. Mit Stirnlampen bewaffnet traten wir ihr entgegen und leuchteten sicherheitshalber volles Rohr mitten ins Gesicht. Sollte derjenige Böses im Sinn haben, wäre er so zumindest für einen kurzen Moment geblendet.

Ein junger Marokkaner, Anfang 20, mit schwarzen Löckchen bis zum Kinn stand vor uns. Wir waren etwas verunsichert und wollten wissen, was er denn gedenkte zu tun. Er hatte keine Lust in einem Hostel zu schlafen und hätte deshalb von irgendwem den Tipp bekommen, in unserer Richtung mal nach einem Platz zu suchen. So stand er also mit großen Augen vor uns und fragte, ob er denn hier sein Zelt aufstellen durfte. Beim näheren Hinsehen stellten wir fest, dass es ihm wohl genauso mulmig zu Mute sein musste wie uns. Wir schmunzelten. Klar konnte er das, ist ja ein freies Land hier. 🙂 Beim besten Willen konnten wir uns nicht vorstellen, dass er sich ausversehen an unseren Sachen vergreifen würde. Allerdings waren wir trotzdem  – wie jeden Abend, wenn wir im Freien schliefen – auf der Hut.

Am nächsten Morgen wollten wir die besondere Gelegenheit nutzen, den Sonnenaufgang in der Sahara zu betrachten. Kurze Zeit später hatten wir wieder Gesellschaft. Wie sich herausstellte war unser neuer Freund aus Casablanca und bereits seit 53 Tagen zu Fuß durch Marokko unterwegs. Einfach so, weil ihn die Reiselust gepackt hatte. Wir machten unser Abendessen vom Vortag warm und luden ihn gleich mit ein, mit uns zu frühstücken. Auch er machte sich anschließend wieder auf den Weg und so waren wir froh, als noch zwei paar Hände mehr die gefühlt zentnerschweren Räder durch den Sand schoben.

Stachelige Fluffelsträucher

Hier im Süden waren die Temperaturen deutlich gestiegen. Kein Wunder also, dass wir bereits nach kurzer Zeit uns aus unseren Zwiebelschichten schälten und im T-Shirt fuhren. Kaum zu glauben, war ja zur gleichen Zeit in der Heimat fast schon der Schnee vor der Tür. Leider meldete sich Dani´s Hals wieder zurück. Sein Körper hatte die letzte Entzündung wohl doch nicht so gut weggesteckt. Wir waren erst knappe 30 Kilometer unterwegs und hatten unser Tagesziel kurz vor Alnif noch lange nicht erreicht. Gesundheit geht aber vor! Gerade wenn man vorhat jeden Tag viele Stunden zu radeln, sollte man nicht angeschlagen im Sattel sitzen!

Da die Landschaft sich in den letzten Stunden nicht mehr geändert hatte, waren wir uns ziemlich sicher, dass auch in den nächsten Metern kein Sichtschutz in Form von größeren Büschen, Bäumen oder Hügeln kommen würde. Also gut, dann mussten wir eben 10 Meter von der Straße entfernt unser Zelt auf dem furztrockenen Boden aufbauen. Die von weitem fluffig aussehenden kleinen Sträucher entpuppten sich als fiese Stachelmonster, die irgendwie immer genau dort standen, wo wir gerade hin fassten oder hin traten. Davon abgesehen hatten wir eine sternenklare Nacht, die den Sonnenuntergang und auch Sonnenaufgang noch viel schöner wirken ließen, als in Merzouga.

Dani ging es zumindest, nachdem er früh eingeschlafen war, ein klein wenig besser. Auch am nächsten Tag hatten wir wieder eine herrliche Sicht auf das Naturschauspiel. Diesmal war jedoch der Schlafplatz um einiges besser. An einem ausgetrockneten Flussbett entlang reihten sich viele Bäume, was sich natürlich wieder perfekt für eine Nacht in den Hängematten anbot. Am Abend drauf gab´s dann wieder eine herrliche Aussicht aus dem Zelt. 🙂

Planet Erde war gestern

Nach einem weiteren Tag veränderte sich unsere Umgebung wieder mal vollkommen. Ringsherum war die Landschaft karg, keine Sträucher und keine Bäume wuchsen hier. Zu den Seiten hin formten sich kleine Hügel und dahinter sah es aus, als würde es einen steilen Abhang hinuntergehen. Um das Bild perfekt zu machen, waren mittendrin kleine bizarre Mondkrater verstreut und die Luft flimmerte von der Hitze. Hatten wir die letzte Abzweigung verpasst und waren stattdessen auf einem anderen Planeten gelandet? Sah irgendwie verdammt danach aus… Es war wahnsinnig faszinierend und sehr schön. Wieder einmal waren wir so begeistert von diesem Land, dass uns so unglaublich viele Faszetten zeigte. Gestern Mount Everest, heute Grand Canyon, morgen Wüste, übermorgen Mars… Einfach nur unglaublich schön und wahnsinnig inspirierend, dieses Marokko. Gott sei Dank hatten wir den großen Schritt gewagt, alles in Deutschland aufgegeben und uns nun die Zeit genommen dies alles mit unseren Fahrrädern in der für uns richtigen Reisegeschwindigkeit zu genießen.

Per Anhalter mit dem Fahrrad?

Unser nächster größerer Halt war in Tinghir geplant. Dies bedeutete, dass es bis dahin gut bergauf ging. Zu viel Trubel für Dani´s allgemeine Verfassung. Die Kräfte ließen deutlich nach und er wusste, dass wenn er jetzt nicht auf seinen Körper hörte, er sich damit mehr schaden und die Mandelentzündung wieder voll ausbrechen würde. Also schmiedeten wir abends im Zelt für den nächsten Tag einen neuen Plan: Es sollte per Anhalter mit den Rädern nach Tinghir gehen! Nicht ganz so einfach, wenn man bedenkt, wieviel Platz vorhanden sein musste, um zwei Personen mit ihren zwei vollbepackten Reiserädern mitzunehmen… Und dann auch noch auf gut Glück… Egal, wir mussten es versuchen und wir waren zuversichtlich. Wir hatten die letzten Tage einige Transporter, Pick-Up´s und LKW´s vorbeiziehen sehen. Die Strecke war also nicht ganz so einsam und für unsere aktuellen Bedürfnisse waren die richtigen Beförderungsmittel unterwegs.

Wir positionierten uns in der Nähe eines Cafés und hielten motiviert den Daumen raus. Es dauerte nicht lange und ein kleinerer Lieferwagen kam ums Eck gerauscht. Der Fahrer hielt auch prompt an. Wunderbar dachten wir, er fährt ebenso nach Tinghir und würde uns sogar mitnehmen. Ein kurzer Blick auf die Rückbank und den Kofferraum machten diese Hoffnung jedoch sofort zunichte. Schade… Eine Stunde verging. Wir waren überrascht, wie viele Wagen im Vergleich zu deutschen Fahrern hier anhielten. Leider war jedoch keiner dabei, der entweder den Platz hatte oder auch tatsächlich nach Tinghir wollte.

Rucki-zucki

Zwei alte Männer hatten unsere hoffnungslosen Trampversuche schon länger beobachtet und winkten uns zu sich an den Tisch vor dem Café. Melli hielt die Stellung, Dani zog los und wurde gleich auf einen Tee eingeladen. Sie waren ganz neugierig, was wir vorhatten, wohin wir wollten und überhaupt, was wir hier mit dem Fahrrad machten. Dann hielt ein schwarzes Auto und ein junger Mann mit feschem Hut und Jogging-Hosen stieg aus. Dieser war begeistert von unserer Radreise und unterhielt sich angeregt mit uns. Er erkannte unser Problem und überlegte auch gleich, wie er uns am besten helfen konnte. Er besprach sich mit den Leuten im Café und bot an, einen Transporter zu rufen. Das hätte uns allerdings einiges gekostet. Genauso wie das Angebot der zwei Männer, mit denen Dani Tee getrunken hatte. Für einen Preis von 30 Euro konnten wir sofort mitfahren. Wir bedankten uns, wollten aber erstmal sehen, ob wir nicht doch trampen konnten. Der junge Mann verstand auch das. Zum Abschied machten wir noch ein Foto zusammen und dann sahen wir erst, dass die ganze Zeit über zwei ältere Damen in seinem Auto darauf warteten, dass es weiterginge. Sogar der Motor lief noch…

Nach etwa insgesamt 1 1/2 Stunden war uns das Glück doch noch wohl gesonnen. Ein Mann mit Pick-Up hielt an, der uns an die 20 Kilometer entfernte Kreuzung mitnehmen konnte. Perfekt! Damit hatten wir schon fast die Hälfte der Strecke gewonnen und ein Großteil der Steigung hinter uns. Das Aufladen der Räder ging rucki-zucki und wir setzten uns jeweils rechts und links auf die komplett freie Ladefläche. Im rasanten Tempo schürte er die gewundenen Straßen hinauf, als wäre der Teufel höchst persönlich hinter ihm her. Wir konnten uns und die Räder gerade so halten, allerdings waren wir aufgrund der Geschwindigkeit im Nu an der Kreuzung. Wir überlegten uns noch, wie viel Dirham wir ihm geben würden, falls er etwas verlangen würde, doch wir kamen gar nicht dazu. Mit einem freundlichen Lächeln hob er die Räder mit herunter, wünschte uns noch eine gute Reise. Dann war er auch schon wieder verschwunden.

Marokko - unsere zweite Heimat

Was einmal funktionierte, konnte auch noch einmal klappen, sagten wir uns. Wir positionierten uns wieder so an der Straße, dass die Autos uns schon von weitem sehen konnten und genug Zeit hatten, um sich zu überlegen, ob sie anhalten wollten. Diesmal waren wir aber nicht allein. Zwei Polizisten standen auf der anderen Straßenseite und machten bei jedem Auto mit einem Handgerät, das aussah wie eine überdimensionale Kanone, eine Geschwindigkeitskontrolle. Nach unserem zweiten gescheiterten Versuch bei Jemanden mitzufahren, kamen sie neugierig über die Straße. Sie fragten, warum wir denn die vorbeifahrenden Wagen anhalten wollten. Wir erklärten, dass Dani kränkelte und besser nicht aufs Rad stieg. Diese zwei dienstbeflissenen Gendarme überraschten uns. Wie selbstverständlich sagten sie, dass Marokko nun unsere zweite Heimat sei. Und da dies nun so sei und sie ja sowieso alle Autos anhielten, würden sie auch gleich jemanden finden, der uns inklusive Räder nach Tinghir mitnehmen konnte. Coole Sache, damit hatten wir jetzt nicht gerechnet! Sie machten sich auch Sorgen um Dani´s Gesundheit und fragten, ob die Apotheke, die wir dann aufsuchen wollten, ausreichend sei oder er nicht doch ins Krankenhaus wollte. Aber davon waren wir zum Glück noch weit entfernt. 😉

So kam es, dass wir ganz entspannt am Straßenrand unsere Campingstühle aufklappten, Mandarinen und Brot aßen und einfach warteten bis die Polizei einen Fahrer für uns gefunden hatte. Nach 10 Minuten kam einer der beiden und entschuldigte sich dafür, dass es so lange dauerte. Das fanden wir wirklich total nett, aber er konnte ja auch nichts dafür. 😉 Kurz darauf fuhr auch schon das Opfer vor. Wir wussten wohl alle vier in diesem Moment, dass der arme Kerl eigentlich gar keine andere Wahl hatte. Recht begeistert sah er nicht gerade aus, welcher gute Bürger würde jedoch der Polizei widersprechen… Die zwei netten Polizisten verabschiedeten sich von uns und sagten noch auf Englisch, dass wir dem Auserwählten ja kein Geld geben sollten. Das wurde nochmal kurz auf marokkanisch klar mitgeteilt, dann ging es auch schon los. Uns wurde angeboten, im Fahrerhaus zu sitzen. Anhand der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen für die Befestigung der Räder, hielten wir diese jedoch lieber eigenhändig fest. Das war auch eine gute Entscheidung. Vor unserem inneren Auge sahen wir nämlich kurze Zeit später schon die Räder im hohen Bogen aus dem Auto fliegen. War unsere erste Fahrt schon abenteuerlich gewesen, so setzte diese hier noch einen drauf. Schon nach kurzer Zeit waren unsere Sitzpositionen viel zu unbequem und die Füße eingeschlafen. Wir waren heilfroh, als wir in Tinghir ankamen und alles noch dran war. An unseren Rädern und auch an uns…

Vom Zelt ins Hotel

Unser Fahrer war leider zu schnell, denn die ganzen Apotheken in Tinghir hatten noch Mittagspause und würden erst in zwei Stunden wieder öffnen. Wir vertrieben uns bis dahin die Zeit und besorgten uns wieder frisches Brot und andere Kleinigkeiten zum Essen. Dann gab es da noch zu klären, wo wir denn heute schlafen sollten. Zum Campen fuhren wir immer aus den Ortschaften heraus und suchten uns außerhalb ein ungestörtes Fleckchen. Ein zuvor eigentlich sicher ausgemachtes Treffen wurde in letzter Minute doch noch von der anderen Seite abgesagt und so galt es für uns wieder eine Entscheidung zu treffen. Diese kam dann auch recht unvermittelt und zwar in Form einer Einladung eines anderen Marokkaners. Wir standen vor einem Hotel, an dem wir uns verabredet hatten und ein strahlender, etwas dunkelhäutiger Mann winkte uns zu. Wir fragten, ob er die Person sei, mit der wir gerade den Treffpunkt über Couchsurfing vereinbart hatten. Er lachte. “Ha ha, no! I´am black, he is white.” Wir wussten jetzt nicht, ob es angebracht war mitzulachen, aber bei der positiven Stimmung, die unser Gegenüber ausstrahlte, mussten wir irgendwie doch lachen. Die zwei hatten anscheinend gerade miteinander telefoniert und deswegen wurden wir jetzt von der Vertretung empfangen. Wir konnten es nicht fassen und waren ganz aus dem Häuschen. Anscheinend durften wir in eben diesem Hotel umsonst schlafen, hatten unser eigenes Zimmer mit Dusche und sogar westlichem Toilettenstandard. Nach den Strapazen der letzten Tage und gerade hinsichtlich Dani´s Verfassung ein Segen.

Teppich mit einem Schuss Whiskey

Am nächsten Tag wurden wir von unserem großzügigen Gastgeber mit in die Medina genommen. Keine zwei Gehminuten von unserem Hotel entfernt waren viele weiße Zelte aufgebaut, in denen für vier Tage traditionelle qualitativ hochwertige Berberwaren der verschiedenen Regionen feilgeboten wurden. Dazu drang aus Lautsprechen rhythmische Musik, die hervorragend zu dem bunten Gewusel passte. Nicht weit von den Zelten entfernt, standen dann die regulären kleinen Läden mit Obst, Gewürzen und allem, was man so täglich braucht.

Anschließend wurden wir in ein verwirrendes System aus mehreren Gassen geführt. Zielsicher schritt unser Begleiter voran. Wir verloren schon nach der ersten Kurve jegliche Orientierung. Nun sollten wir das echte Marokko in Tinghir kennenlernen. Wir waren mitten im Wohngebiet und gepflegte, kleine Wege führten an den Eingangstüren vieler Berber vorbei. Dann hatten wir die Gelegenheit das Handwerk von einer Gemeinschaft von 15 Frauen aus nächster Nähe betrachten zu können. Teppiche aus Schafs-, Lamm- und Kamelfell wurden hier kunstvoll gefertigt. Jede Frau knüpfte einen eigenen Teppich, der unterschiedliche Farben, Muster und Symbole trug. Speziell für Hochzeiten werden hier viele Exemplare hergestellt. Anschließend haben wir noch bei einer Tasse Tee, dem Berberian Whiskey, etwas geplaudert, ehe wir wieder den Rückweg antraten.

Die Todra Schlucht

Etwa 15 Kilometer von Tinghir entfernt gab es die bekannte Todra Schlucht, die wir besuchen wollten. Normalerweise hätten wir liebend gerne diese Expedition mit unseren Drahteseln gemacht. Da Dani aber immer noch Antibiotika nahm, die Sonne knallte und es deutlich bergauf gehen sollte, verzichteten wir lieber auf die Räder. Wir waren etwas auf den Geschmack gekommen, also wollten wir wieder trampen. Nach etwa fünf Minuten Daumen raushalten, hielt der erste Wagen an – und es war ein Glückstreffer! Der 33-jährige Fahrer war ebenso auf den Weg in die Todra Schlucht, weil er mal wieder den Kopf frei kriegen wollte. Heute war sein freier Tag und er freute sich schon auf einen kleinen Spaziergang und eine anschließende Massage im Vorort. Davon abgesehen arbeitete er wohl sechs Tage die Woche in den Mienen, in denen Mineralien zutage gefördert wurden. Wir waren uns alle gleich sehr sympathisch und hatten schon auf der Fahrt uns gut unterhalten.

Als wir in der Schlucht ankamen, stellten wir fest, dass diese sehr viel touristischer war, als die in Midelt. So viele Reisende hatten wir im ganzen letzten Monat nicht gesehen. Auch gab es hier viele Stände, an denen Schmuck, Tücher und traditionelle Djellaba´s verkauft wurden. Die Schlucht selbst war sehr schön. An den steilen Wänden rechts und links konnte man beim genaueren Hinsehen sogar einige Kletterer ausmachen. Wir setzten uns einige Meter von den anderen Besuchern ab und hatten vereinbart, dass wir ein paar Stunden später uns wieder mit unserem netten Fahrer treffen und gemeinsam zurück nach Tinghir fahren würden.

Dort wieder angekommen, hatte er noch ein bisschen Zeit und bot uns deshalb an, mit ihm gemeinsam noch etwas durch die Altstadt zu schlendern. Sehr gerne folgten wir ihm durch die teils dunklen, verschlungenen Gassen. Zwar wirkte dieser Teil Tinghirs etwas verlassen, allerdings war dem keineswegs so. Viele der Bewohner hielten sich hinter den großen Eisentüren auf, die wir passierten. Teilweise wurden an den Häusern gerade Renovierungen mit einem Gemisch aus Lehm und Heu durchgeführt. Wir verliebten uns gleich in dieses ruhige Viertel, welches uns ein komplett anderes Gesicht von Tinghir zeigte. Gute 10 Meter weiter herrschte wie eh und je buntes Treiben.

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Vorgeschmack auf Marokko Teil IV

Im nächsten Teil geht es wieder richtig zur Sache. Wir fahren fast drei Tage bergauf, um den Tizi n’Tichka Pass zu erklimmen. Dabei genießen wir die wunderschöne Berglandschaft des Hohen Atlas. In Marrakesch ereilt uns dann eine kleine Pechsträhne und Dani baut sogar einen Unfall. Ob wir mit diesem Totalschaden weiterfahren können?

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Video-Serie über Marokko

when route becomes destination

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