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Spontane marokkanische Blitzhochzeit – unsere Fahrradweltreise durch Marokko Teil II

Lesezeit: 16 Minuten

Im ersten Teil unserer Marokko-Serie berichteten wir unter anderem über unsere Eskapaden mit der Polizei. Dieses Mal geht es um unsere Erlebnisse mit weiteren interessanten Bekanntschaften in Midelt sowie Errachidia. Außerdem gibt es eine extra für uns organisierte, kleine spontane Hochzeit – ganz auf marokkanische Art . 🙂

Wir haben passend zu unseren Berichten unsere Fahrradreise auch auf Video festgehalten. Am Ende dieses Blog-Betrages gelangst du zu unserer Video-Serie über Marokko, sobald diese veröffentlicht wurde.

Wir fuhren einem neuen Tag entgegen und ließen Missour hinter uns. Es war herrlich mit Blick auf den Hohen Atlas entlang der fast wie leer gefegten Straßen zu radeln. Die Aussicht war einfach genial. Oben auf den Spitzen der Berge konnte man das Weiß des Schnees ausmachen. Irgendwann fiel uns ein Schild auf, welches wir bis dahin noch nicht gesehen hatten. Achtung Kamele! Wie lustig! 🙂 Bald darauf begegneten wir dann auch tatsächlich ringsherum fressenden Kamelen. Strenggenommen waren es eigentlich Dromedare, da sie nur einen Höcker auf dem Rücken hatten. Wie die Esel, die hier und da frei herumstreunten, liefen auch die Dromedare seelenruhig und gemütlich über die Straßen auf der Suche nach Futter. Die Strecke wurde zunehmend steiler und wir hatten uns vorgenommen in einem Stück nach Midelt zu fahren. Das bedeutete etwa 90 Kilometer an einem Tag, bei einem Höhenunterschied von etwa 600 Metern.

Die Berberstadt Midelt ist bekannt für den Anbau von Äpfeln und bisher eher vom großen Tourismus verschont worden. Wir hatten dort wieder eine Einladung bekommen, die Nacht zu verbringen. Ansporn genug, um die nicht enden wollende Steigung in Kauf zu nehmen. Die verbeifahrenden Autos hupten, viele winkten uns zu und streckten grinsend den Daumen nach oben. Das motivierte unheimlich und machte uns auch stolz, dass wir als Fortbewegungsmittel das Fahrrad gewählt hatten. Wir waren langsam genug, um alles um uns herum intensiv wahrnehmen zu können und doch einigermaßen schnell, um gut voran zu kommen. Das Beste war das Wissen, dass man die zurückgelegten Kilometer mit eigener Muskelkraft bewältigt hatte und nicht auf einen stinkenden Motor angewiesen war. Auch wenn der Schweiß in Strömen lief und die Pomuskeln irgendwann zogen… 😉

Wasser tanken

Es war erst gegen 13:30 Uhr, als wir an einem kleinen Dorf vorbeifuhren und eine Wasserstelle entdeckten. Super Timing! Bis jetzt waren wir sehr gut mit dem Wasser klargekommen, welches die Einheimischen tranken, also füllten wir die Flaschen wieder auf. Nachdem wir die letzten Stunden nur bergauf fuhren, hatten wir auch etwas mehr als sonst getrunken. Bisher sind wir immer recht gut ausgekommen mit unseren Vorräten. Dani transportierte um die 3,5 Liter und Melli etwa 2,5 Liter Wasser zum Trinken. Bei Bedarf füllten wir die Flaschen einfach unterwegs in einem Café auf. Für den Notfall hatten wir beide noch jeweils einen Wassersack mit 10 Liter Fassung dabei. Den brauchten wir bisher allerdings noch nicht. Ein Mann mit einer weißen Djellaba kam zielstrebig auf uns zu. Djellaba´s sind traditionelle Umhänge mit spitzer Kapuze, die man vor allem in Marokko häufig zu sehen bekommt. Wir waren gespannt, was uns nun als nächstes erwartete.

Es war ein älterer, sehr sympathischer Herr. Er entschuldigte sich, dass er kein Englisch und nur schlechtes Französisch sprach. Er gab uns zu verstehen, dass wir auf einen Tee und wenn wir wollten auch auf eine Übernachtung eingeladen waren. Es war erst mittags und eigentlich waren wir bis jetzt super unterwegs gewesen. Wir wägten kurz ab. Das Angebot hätten wir sehr, sehr gerne angenommen. Allerdings waren wir uns ziemlich sicher, dass wir dann heute nirgendwo mehr hinfahren würden. Also zogen wir weiter. Schade eigentlich, denn durch solche Begegnungen ergaben sich meist ganz wundervolle Erfahrungen. Die Marokkaner waren, wie wir bis jetzt festgestellt hatten, neben den Thais eine der gastfreundlichsten Menschen, die wir während unserer Reisen getroffen haben.

Motivation ist alles

Melli verließen gegen Sonnenuntergang die Kräfte. Der Hintern schmerzte gewaltig und jeder Stopp zum Trinken machte es umso anstrengender sich wieder einzufahren. In einigen Abständen putschten wir uns erst mit gekochten Eiern, dann mit Bananen und zum Schluss mit Traubenzucker auf. Aber was uns eigentlich im Sattel hielt, war die Gewissheit, dass wir nur in etwa 2 Stunden ein Dach über dem Kopf hatten, eine Dusche und eine warme, mal nicht von uns gekochte Mahlzeit. Diese Motivationsspritze ließ auch Melli trotz Schmerzen am Sattel kleben, wie eine Fliege im Spinnennetz. Eigentlich schon gewaltig, welche Kraftreserven man  durch rein positive Gedanken mobilisieren konnte…

Wir erreichten endlich den höchsten Punkt, an dem ein Kreisverkehr links Richtung Errachidia und rechts nach Midelt abzweigte. Ab jetzt ging es bergab, bis wir dort waren. Allerdings waren dies immer noch gute 10 Kilometer. Die meiste Zeit konnten wir die Räder ausrollen lassen, die andere Zeit strampelten die Beine automatisch wie von selbst. Es war bereits dunkel und die Kleinstadt leuchtete uns mit bunten Apfelschildern entgegen. Unser Gastgeber empfing uns sehr herzlich in einem Cafe, das auf dem Weg zu seinem Zuhause lag. Bis dahin waren es nur noch wenige Kilometer und wir schoben die Räder zusammen zum anderen Ende der Stadt hinaus in ein angrenzendes Viertel.

Association touristique TONWATE

Unser Gastgeber rief vor einiger Zeit die Organisation Association touristique TONWATE ins Leben, die den Tourismus in der Region um Midelt fördern soll und gleichzeitig den einheimischen Kinder zu Gute kommt. Reisende erhalten eine Woche einen Einblick in die Landwirtschaft, den Mineralabbau und nicht zuletzt die Kultur sowie Traditionen des Berbervolks rund um Midelt. Gleichzeitig bringen sich die Touristen (auf Freiwilligenbasis) dann im Rahmen von Projekten mit ein, in denen sie z.B. gemeinsam mit den Kindern vor Ort kochen, Sprachunterricht geben, Spiele mit diesen spielen oder Gebrauchsgegenstände wie Kleidung, Stühle, Tische etc. beisteuern. Die Räumlichkeiten der Association waren praktischerweise direkt mit dem Anwesen der Familie verbunden. Die Freiwilligen, bzw. Touristen kamen jedoch in den Sommermonaten Juli und August, weshalb nun die Räume leer und verlassen waren. Dies bedeutete also viel Platz für uns. 😉

Unterwegs zur Schlucht

Am nächsten Morgen wurden wir zu einer Ruine geführt, die früher einmal gewaltig gewesen sein musste und an eine kleine Festung erinnerte. Die Außenmauern waren ziemlich hoch und teilweise arg verfallen. Im Inneren machte sich ein Mann mit einer Schubkarre daran den Schutt aufzuräumen und die Mauern wieder aufzubauen. Dies sollte in naher Zukunft wieder als Heim für seine Familie dienen. Der Mann würde wohl eine ganze Weile für den Wiederaufbau brauchen… Wir gingen weiter durch Apfelfelder sowie Olivenhaine und vorbei an geschäftigen Berbern, die gerade mit der Ernte beschäftigt waren. Unser Gastgeber kannte sie natürlich alle. Wir marschierten etwa 15 Minuten einen kleinen Trampelpfad entlang und gelangten schließlich wieder in eine bewohnte Gegend auf einer kleinen Anhöhe. Die Häuser waren hier praktisch (wie fast überall in Marokko) mit Lehm und Stroh verputzt. Dies bewirkt, dass die ca. 0,5 Meter breiten Mauern im Sommer das Innere kühlen und im Winter die Räume warmhalten. Es war sehr interessant durch die Gassen zu wandeln. Wir genossen die Ruhe, denn hier gab es offensichtlich keine Touristen, sondern nur die Bewohner dieses kleinen Berberviertels. Wir schlüpften wieder aus den Gassenheraus, das Bild, das sich uns dann bot, war atemberaubend.

Wir standen ganz unvermittelt vor einer Schlucht, durch die ein kleiner Wasserlauf hindurchführte. Frauen machten sich gerade daran Kleidung darin zu waschen. Man konnte erahnen, wie weit es in die Schlucht hineingehen würde und das Farbspiel aus den unterschiedlichen Brauntönen der Schluchtwände war im Licht der Nachmittagssonne besonders schön. Wie eine Bergziege lief unser Begleiter nun die Böschung hinauf und wir hatten etwas Mühe so schnell hinterher zu kommen. Der Blick von oben in die Schlucht und in das Tal war ebenso unbeschreiblich. Uns gefiel es sehr, sehr gut hier. Wir setzten uns alle, jeder etwas für sich an den Rand, spürten den kühlen Wind und die Ruhe hier oben. Hier hatten die Gedanken freien Lauf und wir konnten einfach den Moment im Hier und Jetzt genießen. Herrlich!

Danach schlugen wir eine andere Richtung für den Rückweg ein. Es ging scheinbar querfeldein über Geröll und an ein paar einfachen Berberhäusern vorbei. Nachdem wir dann wieder auf eine Straße stießen, wurden wir prompt eingeladen, bei der örtlichen Milchverarbeitung über die Schulter zu schauen. Die Anlage dafür ist im Zuge einer Kooperation mit einem Schweizer Unternehmen entstanden. Hier durften wir auch gleich einmal den Geschmack der Milch sowie noch frisch zappelnden fettarmen Käse testen. Super lecker! 😉

30 Jahr, Aussicht wunderbar

Am nächsten Tag wurde Melli 30 Jahre alt. Diesen Tag wollten wir gebührend feiern und in aller Ruhe genießen. Den Zufluchtsort dafür hatten wir also perfekter Weise schon gefunden. Wir wollten den Tag über in der Schlucht verbringen und abends oben auf dem Plateau unser Nachtlager aufschlagen. Am nächsten Tag würden wir dann wieder zurück zu unseren Rädern und zum Gepäck kehren. Dies ließen wir alles bei unserer neuen Bekanntschaft Zuhause. Dann würden wir unseren Weg durch Marokko fortsetzen. Unser Gastgeber war etwas überrascht, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass wir es gemütlich finden würden, im Freien zu Schlafen. Es sei doch so ungemütlich und vor allem viel zu kalt! Er klärte das mit der Polizei ab und gab den Standort durch. Uns wurde tags zuvor erklärt, dass es kein Einzelfall sei, dass Touristen ständig nach ihrem Pass gefragt und teilweise auch begleitet werden würden. Da er aufgrund der Association auch viele Freiwillige in seinem Haus beherbergte, müsse er ständig bei der örtlichen Polizei deklarieren, um wen es sich handelte und wie lange die betreffenden Personen dort blieben. Er klärte uns noch auf, dass wahrscheinlich ein Guard in der Nähe für den Fall der Fälle patrouillieren würde. Das war uns eigentlich egal, Hauptsache wir hatten unsere Ruhe.

An Melli´s Geburtstag schafften wir dann unsere Schlafsäcke, den Biwaksack und reichlich Proviant an eine Stelle am Plateau der Schlucht. Es gab einige kleinere Höhlen, die uns als Unterschlupf dienen konnten. Beim näheren betrachten fiel uns allerdings auf, dass alles – und zwar wirklich komplett alles – zugeschissen war. Merde! Die Ziegen und herumstreunenden Katzen hatten sich wohl jeden erdenklich brauchbaren Platz ausgesucht, um ihr Geschäft zu verrichten. Wir wichen deshalb unter einen kleinen Vorsprung aus und deponierten dort unser Hab und Gut. In der Zwischenzeit machten wir uns wieder auf den Weg zur Schlucht. Die Farben waren einfach malerisch. Das Gestein an den Seiten leuchtete uns mit einem feinen Rot- und Braunton entgegen, wobei die Blätter der Bäume sich Gelb und Orange gefärbt hatten. Bis auf eine Frau, die wieder Kleidung wusch und zwei jüngere Marokkaner mit Granatäpfeln bewaffnet, trafen wir keine Menschenseele. Ab und an entdeckten wir eine Feuerstelle. Bei zwei Bäumen, die perfekt beieinander standen, spannten wir dann unsere Hängematte auf und ließen die Seele baumeln. Dies war mal ein so ganz anderer Geburtstag. Zwar sehr schade, dass die Familie und Freunde nicht dabei waren – aber wir hatten ja uns beide, die diesen besonderen Moment teilten. Das war Geschenk genug!

Ein Bett unterm Sternenhimmel

Gegen Spätnachmittag stieß dann unser Gastgeber wieder mit dazu und vergewisserte sich, ob es uns gut ging und wir alles hatten, was wir brauchten. Bei unserer Platzwahl rümpfte er die Nase, außerdem war er geschockt, wie wir auf die Idee kamen, unsere Schlafsäcke dort oben zurückzulassen. Er zeigte uns einen Winkel, wo man recht gut in unsere kleine Einbuchtung sehen konnte und warnte uns vor spielenden Kindern, die ab und an lange Finger bekämen. Er hatte nicht ganz Unrecht. Aus dieser Perspektive war unser Versteck sehr offensichtlich. Zum Glück war alles noch an Ort und Stelle. Er verließ uns wieder und einige Zeit später kamen tatsächlich zwei Jungs, die mit ihrer Steinschleuder die Gegend unsicher machten und sogar Steine in die Schlucht warfen. Sie erblickten uns und fragten nach ein paar Dirham. Natürlich hatten wir nichts von Wert dabei. Sie blieben eine ganze Weile bei uns stehen und beäugten uns, einfach so ohne ein Wort. So hatten wir uns einen ungestörten Ausklang des Tages irgendwie nicht vorgestellt. Wir tunkten unser Brot in Olivenöl und sie streckten abermals die Hände aus. Wir sind ja keine Unmenschen, also gaben wir ihnen davon etwas ab. Allerdings gaben sie sich damit nicht zufrieden. Als sie dann realisierten, dass es nichts mehr für sie zu holen gab, traten sie allmählich den Rückweg an.

Wir hatten wieder unsere traute Zweisamkeit und kuschelten uns während der Dämmerung gemütlich in unsere flauschigen Schlafsäcke. Bis auf das Rufen eines Esels, das anfangs etwas gespenstisch wirkte, war es ruhig und angenehm. Der Himmel klarte auf und wir hatten eine wunderschöne, sternenklare Nacht über uns. Zur Feier des Tages sauste direkt über unseren Köpfen eine dicke Sternschnuppe vorbei. Wenn das mal nicht ein genialer und im wahrsten Sinne des Wortes runder Geburtstag war… 🙂

Lecker Msemen und Minztee

Unser weiterer Weg führte uns Richtung Errachidia und somit wieder mal über den Atlas, genauer gesagt den Hohen Atlas. Etwas hatte sich die letzten Tage schleichend geändert. Anscheinend befand man eine Eskorte für nicht mehr notwendig, denn weit und breit gab es niemanden mehr, der uns folgte. Auch als wir abends bei einem Olivenbauern nach einem Platz für unser Zelt fragten, bekamen wir keinen Besuch mehr. Wir atmeten auf. Zwar ist es sehr verantwortungsvoll und natürlich auch gut, dass die Sicherheit der Marokko-Reisenden sehr ernst genommen wird, allerdings fühlte man sich so doch ein wenig eingeschränkt. Wir vermuteten, dass dies dem tragischen Hintergrund geschuldet war, dass 2018 zwei skandinavische Mädchen Opfer eines brutalen Mordes von Extremisten wurden. Wohl zur eigenen Sicherheit hatte man nun das Gefühl in einigen Gegenden Marokkos auf Schritt und Tritt beschattet zu werden. Dies war also wiedermal ein Tag seit langem, wo wir ungestört dort sein konnten, wo wir tatsächlich sein wollten – ohne das lästige Gefühl beobachtet zu werden.

Die Olivenbauern-Familie war sehr nett und räumte sogar extra für uns eine kleine Fläche auf dem Feld, wo wir problemlos die Heringe des Zelts in den Boden schlagen konnten. Als wir den Kocher aufgebaut hatten und das Abendessen vorbereiteten, kam eine Tochter des Hauses mit einem dampfenden Tablett. Es war total lieb, wir bekamen frisch gekochten Minztee, dazu eine kleine Schale mit Olivenöl und selbstgemachtes Brot dazu. Später wurde uns dann noch ein Kaffee gebracht. Trotz der Tatsache, dass wir also offensichtliche Selbstversorger waren, wurde uns dennoch die herzliche Gastfreundschaft der Familie zuteil. Am nächsten Morgen bekamen wir zur Stärkung nochmal Tee und einen Teller Msemen. Dies ist ein typisch marokkanisches blätterteigähnliches Gebäck, in dem Griesmehl und ordentlich Olivenöl verwendet wird. Melli kriegte sich fast nicht mehr ein. Sie liebte Msemen! War es doch etwas, dass sie als Kind so oft von ihrer Oma zubereitet bekam und gemütlich in eine Decke gekuschelt auf der Couch mit Honig futterte. Wir freuten uns wahnsinnig. Die Menschen denen wir begegneten, waren ausnahmslos alle so freundlich und auch besorgt, dass wir ja nicht frierten oder vom Fleisch fielen. 🙂

Die Geschichte mit dem Bus

Wir verabschiedeten uns und zogen weiter. Es wurde wieder kurvig und hügelig. Der Schweiß tropfte uns in die Augen. Schon etwas lustig, als wir den Blick über den Berg schweifen ließen und erkannten, wo sich die Autos hinaufschlängelten. Im nächsten Moment dann eine neue Erkenntnis. Wir mussten wohl genau eben jenen steilen Weg über den Berg nehmen. Die Bergspitze immer vor Augen, dauerte es gefühlt lächerlich lange. Am Gipfel quasi angekommen, fuhren wir dann jauchzend bergab. Blöd nur, dass in diesem Moment ein stinkender großer Bus uns überholte. Wie gemein! Er bremste uns mit weniger als 50km/h regelrecht aus und qualmte vor uns dahin. Dani setzte zu einem Überholmanöver an. Hinter dem sperrigen Teil herzusandeln, war nicht nur wegen der Geschwindigkeit ärgerlich. Auch war stets die Gefahr da, dem Bus aufzufahren, weil man kaum am Bus vorbeisehen konnte und somit die Reaktionszeit ja eher zu wünschen übrig ließ. Also ließ Dani das Rad laufen und setzte sich wieder an die Spitze. Melli hielt die Luft an und machte sich derweil hinter dem Bus große Sorgen, um den Radler vor dem Bus. Die Insassen des Busses winkten und lachten.

Kurz vor Errachidia bogen wir dann in ein kleineres Viertel ab, denn wir hatten einen Lehrer kennengelernt, der uns wieder beherbergen konnte. Die Straßen wurden staubiger und zum Ende hin führten nur noch kleine Wegelchen zwischen den Häusern hindurch. Hier fuhren längst keine Autos mehr, sondern wenn überhaupt nur Mofas. Fantastisches Bild, dass sich uns bot. Genau so wollten wir Marokko kennenlernen. Rechts huschte ein Eselkarren mit Überbreite an Grünzeug ums Eck, auf der anderen Seite spielten Kinder mit einer Katze. Hin und wieder konnte man in die dunklen Eingangstüren der Häuser hineinlugen, die offen standen. Wir erspähten auch spartanisch eingerichtete Läden mit üblichen Haushaltsartikeln und Snacks oder Werkstätten, die nicht größer waren, als 2m².

Anderswo und doch Zuhause

Am Ende einer kleinen Gasse zeigte unser Navi dann das Ziel an. Dort erwartete uns auch schon freudig ein winkender Mann, der seine kleine bezaubernde Tochter auf dem Arm hielt. Das war also die Familie bei der wir heute sein durften. Wir fühlten uns sofort pudelwohl und wie Zuhause. Auch hier wurden Oliven geerntet und eigenes Olivenöl hergestellt. Wir waren überrascht, welch große Fläche die Familie bewohnte, denn von außen konnte man nicht wirklich das Ausmaß davon erkennen. Im Hinterhof war in einem separaten Teil eine Vorrichtung für die Hühner, ein Stall für die Schafe und für einen Esel. Den konnten wir allerdings nicht begrüßen, da ihn ein Nachbar für die Arbeit auf dem Feld ausgeliehen hatte. Im Außenbereich fand sich auch das hier typische “Loch im Boden Klo” und nochmal eine separate Nische für die Dusche. Unter einem Kessel wurde hier das Feuer geschürt und so das Duschwasser erhitzt, welches man sich mit einem kleinen Eimer dann drüber goss. Wir freuten uns wahnsinnig, endlich wieder duschen! Egal wie einfach gehalten die Dusche sein mochte, warmes Wasser war ein Luxus, den wir nicht häufig unterwegs hatten.

Wir wurden im traditionellen Wohnraum der Familie einquartiert. Dieser Raum bestand eigentlich wie bei anderen Familien auch, meist aus nur einem Tisch und einer sehr langgezogenen Couch, die einmal ringsherum führte. Dort konnten Freunde empfangen werden und die Familie zusammenkommen. Natürlich gab es zur Begrüßung wieder marokkanischen Tee, auf den wir uns schon sehr freuten. Sehr lecker! Allerdings könnte man, wenn es nach uns ginge, auf mindestens die Hälfte vom Zucker verzichten. Dazu gab es Kekse und frisch gebackenes Brot mit einer Füllung, sog. Madfouna. Einfach köstlich und eigentlich eine Spezialität, die man um die Gegend von Erfoud und Rissani findet. Es stellte sich heraus, dass unser Lehrer in eben jenem Bus saß, den Dani überholt hatte. So ein witziger Zufall. Er meinte, alle hätten gejohlt, als Dani ganz easy vorbeigezogen war und wieder einscherte. Die Welt ist doch irgendwie klein… und die Geschichte vom Überholmanöver machte bald auch im ganzen Viertel die Runde. 😉

Association Affak Tessagdelt El Kheng Errachidia

Für den nächsten Tag waren wir mit dem Freund des Lehrers verabredet. Die beiden kümmerten sich besonders um die Bildung der Kinder des Viertels und hatten eigens hierfür die Association Affak Tessagdelt El Kheng Errachidia gegründet. In einem gemütlichen Häuschen mit bunt bemalten Wänden mitten im Viertel wurden hier die Kinder aller Altersklassen unterrichtet. Auch Frauen bekamen die Möglichkeit ihre Bildung oder Kenntnisse im Handwerksgeschick zu verbessern und so ihrer Familie zusätzliches Einkommen z.B. durch den Verkauf von Stickereien und Kissenbezügen etc. zu bescheren. Vor einiger Zeit wurde ein Pilotprojekt mit Freiwilligen aus Spanien gestartet, die die Kinder mit Spiel & Spaß beschäftigten und in Spanisch unterrichteten. Die Association wächst beständig weiter und Freiwillige sind jederzeit herzlich willkommen, die die Einheimischen in jeder erdenklichen Art und Weise unterstützen möchten! Falls du also etwas Gutes tun willst, wäre dies vielleicht eine gute Möglichkeit. Wir finden die Initiative super und können jeden Unschlüssigen nur ermutigen sich einzubringen, um das Bildungsniveau der kleinen sympathischen Bewohner vor Ort zu verbessern. 😉 Am Ende des Tages wartete ein besonderes Highlight in den Räumen der Association auf uns. Vorher ging es allerdings gemütlich durch das Viertel.

Verlassene Kasbah

Wir bogen um die nächste Ecke und ein Schwätzchen wurde mit der Frau gehalten, die gerade zufällig aus der Tür schaute. Wir wurden gleich darauf auf eine selbstgemachte Buttermilch eingeladen. Der Unterschied zur industriellen Fertigung war gewaltig zu schmecken und ganz entgegen der Abneigung in Deutschland nahm Melli sogar gerne auch das zweite Glas an, welches uns gleich eingegossen wurde. Ein paar Meter weiter erkundeten wir dann die Kasbah. Dies war eine alte Burg bzw. Festung, die mittlerweile an die 200 Jahre alt sein dürfte. Zuletzt lebten hier Menschen vor etwa 20 Jahren. Der viele Regen und die unterlassene Pflege hatten die Kasbah jedoch zum Einstürzen gebracht und somit unbewohnbar gemacht. Die oberen Stockwerke waren zusammengefallen und der Boden so teilweise mit der Zeit künstlich erhöht. Zu Lebzeiten muss es gewaltig ausgesehen haben. Sehr viele Räume zweigten ab. Die große und die kleine Küche konnten wir an den schwarzen Rauchbalken über uns erahnen. Das Gemäuer wurde damals doppelwandig hochgezogen, damit die Schurken, die sich bereits nach stundenlanger Arbeit durch die erste Wand gekämpft hatten, gleich die zweite vor der Nase hatten und resigniert aufgaben. Im Innenhof prangte ein großer verlassener Mahlstein, der von einem Esel tagein, tagaus gedreht worden war. Hier wurde unter anderem Olivenöl hergestellt.

Die Arbeit auf dem Olivenfeld

Es ging weiter zum dahinter gelegenen „Wald“, wie die Einheimischen zu sagen pflegten. Wir mussten schmunzeln. Hatten wir in unseren Köpfen stets das Bild von für uns typische dicht beieinander stehende Laub- oder Nadelbäume vor Augen, wenn die Rede von Wald war. Hier allerdings reihten sich am äußeren Rand der Häuser die Palmen und im Inneren des sogenannten Waldes wurden unterschiedliche Quadrate sichtbar, die Olivenbaumfelder voneinander abgrenzten. Jede Parzelle gehörte dabei einer bestimmten Familie, manche wurden geteilt, andere Familien hingegen bewirtschafteten mehrere Parzellen. Es war wirklich sehr interessant. Von Groß über Klein sowie Alt und Jung, half jedes Familienmitglied bei der Olivenernte mit. Die kräftigeren Männer kletterten ins hohe Geäst und schlugen mit dem Stock über die Baumkronen, wohingegen die Frauen mithilfe eines unter den Bäumen drapierten großen Lakens die herunterfallenden Äste und Oliven aufklaubten. Wiederrum ein anderer entfernte dann die Ästchen und sortierte die Oliven. Am Rande einer Parzelle konnten wir oft eine große Gasflasche ausmachen. Natürlich wollten die Menschen auch während ihrer Arbeit nicht auf ihren heißen Tee verzichten. Mitte November sowie Dezember war Erntezeit in Marokko, das erklärte auch die vielen geschäftigen Leute überall auf den Feldern.

Man erklärte uns, dass die Größe der Oliven vor allem vom Wasservorkommen der Gegend abhing. Dies bedeutete logischerweise, dass große Oliven mehr Wasser abbekamen. Die prall gefüllten Olivensäcke wurden dann zu einer Sammelstelle gebracht und in die Olivenpresse gegeben, sofern das kostbare Olivenöl erzeugt werden sollte. Danach erhielten die Bauern ihr Endprodukt abgefüllt wieder zurück. Die zurückbehaltenen Oliven wurden mit dem langwierigen Prozess des täglichen Waschens behandelt. Nach etwa 30 Tagen werden in dieser Gegend dann die Oliven zusammen mit Zitronen, Salz und Kräutern eingelegt und für mindestens weitere 20 Tage ziehen gelassen. Schwarze, Violette oder Grüne Oliven… Einfach köstlich! Es gab hier so viele verschiedene Olivenarten und Weisen der Zubereitung. Tatsächlich musste Melli erst wieder nach Marokko kommen, um zur Olivenfeinschmeckerin zu mutieren. 🙂 Allgemein war es auch nicht schwer, der leckeren, leichten und frischen marokkanischen Küche ganz und gar zu verfallen. 😉

Gegen späten Nachmittag besuchten wir dann die Association, von der wir schon so viel gehört hatten. Hier war trotz später Stunde noch Highlife. Gerade wurden Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren in einem Raum an großen runden Tischen unterrichtet. Eine Lehrerin mittleren Alters mit Brille und Kopftuch zählte erst laut vor, die Kinder wiederholten dann alle im Chor. Als wir den Raum betraten wurden wir total lieb und lauthals auf Arabisch begrüßt. Dann gab es auf Anweisung der Lehrer Süßigkeiten zur Bestechung. 😉 Melli ging einmal reihum und verteilte den Inhalt der Tüte in ihrer Hand. Es gab Kinder, die ausdrücklich keine Süßigkeiten bekommen durften. War zwar irgendwie ein bisschen fies, da ja das Nachbarkind etwas in die Hand gedrückt bekam, fanden wir aber hinsichtlich des vielen Zuckerkonsums der Marokkaner sehr gut, was die Erziehung betraf. Besonders auch im Hinblick auf ein erhöhtes Diabetesrisiko.

Marokkanische Blitzhochzeit

Dann war es so weit. Extra für uns sollte es mit den Kindern eine kleine Art marokkanische Hochzeit geben, die mal so eben vor ein paar Stunden spontan in die Wege geleitet worden war. Wir hörten schon den Musikrekorder im Nachbarraum laut trällern, die gespielte Musik animierte zum Klatschen. Wir bekamen beide traditionelle Kleidung geborgt. Dani wurde ganz in Weiß gekleidet und man wickelte einen halben Turban um seinen Kopf. Melli trug einen roten Kaftan mit kunstvollen Stickereien drauf. Ein paar Mädels vom Dorf hatten die Aufgabe bekommen, sie ein bisschen herzurichten. Die Haare wurden hochgesteckt, ein bisschen Make-Up aufgetragen, die Augenbrauen gepinselt…

 

Sie hatten sichtlich Spaß daran und sich künstlerisch ausgelassen. Melli bekam keinen Spiegel, sondern sehr viele Selfies unter die Nase gehalten, die sofort in Snap-Chat bearbeitet wurden. Teenies waren wohl (sofern das technologische Equipment vorhanden war) überall auf der Welt gleich. 😉 Wir beide gehörten wohl nun eindeutig zu den alten Hasen, da wir weder Snap-Chat noch andere Apps mit Beauty-Filtern zur Aufhübschung unserer Fotos verwendeten. Tatsächlich lächelte nun ein rot gekleidetes Wesen mit Hasenohren und überdimensional großen Augen Melli vom Smartphone entgegen. Dani musste einen Lachkrampf unterdrücken. „Was ist denn mit dir passiert?!“ Auch Melli lachte. “Ich hab die Mädels einfach mal machen lassen.“ Wir bekamen dann beide noch Henna aufgemalt. Wirklich richtig schön!

Währenddessen klatschten die Kinder, die Schmink-Mädels, ein paar ältere Frauen und auch wir laut zur stimmungsvollen Musik. Der Abend war wirklich etwas ganz Besonderes und hat uns sehr gut gefallen. Allerdings mussten wir schauen, dass wir früh genug ins Bett kamen, denn am nächsten Morgen wollten wir weiter radeln. Ein Glück also, dass es keine richtige Hochzeit war, denn dann hätten wir, wie bei einer echten traditionellen marokkanischen Hochzeit üblich, mindestens 3 Tage lang Halligalli vor uns gehabt. 😉 Ein Tag wird mit der Familie des Bräutigams, ein Tag mit der der Braut und der dritte schließlich mit Freunden bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen geschlemmt und gefeiert…

Abschied nehmen

Am nächsten Morgen wurden wir vom Freund unseres Gastgebers zum Frühstück eingeladen, bevor es für uns weiter ging. Das war noch einmal super lecker! 🙂 Es gab viele Msemen, dazu zum dippen Olivenöl und Marmelade sowie Eier mit Salz, Pfeffer und Kurkuma. Zum Trinken gab es natürlich wieder feinen Minztee und selbstgemachte Avocadomilch. Hmmmm, himmlisch! Dann war es leider auch schon wieder soweit und wir mussten uns – wieder Mal – schweren Herzens verabschieden. Eben diese Abschiede fallen uns überhaupt nicht leicht und wir konnten uns eine kleine Träne nicht verdrücken, so lieb hatten wir alle hier gewonnen. Es war wirklich einmalig, wie viel wir in kurzer Zeit wieder über die marokkanische Kultur lernen durften. Und so schön, dass es Menschen gibt, die ihre Türen öffnen, uns diese Momente ermöglichen und gemeinsam mit uns ihre Zeit teilen. Wir sind ihnen so unendlich dankbar dafür!

Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Kennst du andere lokale Initiativen in Marokko, welche die Einheimischen in punkto Bildung oder Förderung bestimmter Wirtschaftsbereiche unterstützen? Hast du vielleicht schon einmal Erfahrungen als Freiwilliger in einer Initiative in Marokko oder generell im Ausland sammeln können? Oder hattest du vielleicht schon einmal die Gelegenheit Teil einer marokkanischen Hochzeit sein zu können?

Dann schreib uns oder hinterlasse einen Kommentar! Wir freuen uns über deine Nachricht 😉

Vorgeschmack auf Marokko Teil III

Im dritten Teil radeln wir durch Südmarokko. Wir genießen zahreiche schöne Sonnenuntergänge in der Sahara, im ausgetrockneten Flussbett, auf einem anderen Planeten… Anderer Planet? Ja, genau! Wir fühlten uns wie auf einem anderen Stern. 😉 Also sei gespannt, was als Nächstes kommt.

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