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NEWS Update Juni / Juli 2022

Lesezeit: 3 Minuten

Khuzestan, Kordestān & eine Zugfahrt

Unser letzter Monat im Iran war nicht weniger spannend, als die davor. Von Shiraz aus ging es nach Khuzestan, genauer gesagt nach Dezful. Berühmt in Dezful ist die Brücke, die aus dem 3. Jahrhundert nach Christus stammt. Sie wurde von römischen Kriegsgefangenen gebaut, die bis heute durch Restaurierungen erhalten blieb. Autos, Motorräder und übrigens auch Fahrräder dürfen nicht auf der alten Dammbrücke fahren. Direkt auf der Brücke lehnte ein alter Herr an der Brüstung des Eisengeländers. Er zeigte uns fingerdicke Löcher darin. Metallsplitter einer Bombe aus dem Krieg mit dem Irak vor 40 Jahren. Genau an diesem Tag, als Dezful unter Beschuss stand, war der Mann als Zeitzeuge eben an dieser Stelle auf der Brücke…

Ganz in der Nähe befanden sich sehr alte Häuser. Die Architektur ist sehr schön und einige dieser Häuser wurden als Hotels ausgebaut. Wir wurden spontan auf eine Besichtigungstour hineingebeten und dabei erlebten wir eine kühle Überraschung. Ganz Dezful wurde früher untertunnelt. Das Gebilde nennt man Shavadoon und es liegt etwa 5 bis 12 Meter tief unter der Erde. Wir spürten gleich die angenehme Kühle und waren froh, der Hitze entfliehen zu können. In Dezful kann es im Sommer zu Temperaturen bis zu 60°C kommen. Die Tunnel verbanden früher alle Distrikte miteinander. Jeder Distrikt hatte auch eine Wasserstelle, an der zu festgelegten Zeiten Trinkwasser geschöpft oder gewaschen wurde. Das Ende des Tunnels führt zum Fluss Dez. Während des Iran-Irak Krieges wurden Shavadoons von den Einwohnern auch als Schutzraum genutzt. Viele Tunnel sind eingefallen und werden momentan wieder unter anderem für Besichtigungen hergerichtet.

Von Freunden wussten wir, dass eine der schönsten Zuglinien durch den Iran nicht weit von Dezful entfernt liegen sollte. Also beschlossen wir unsere Räder diesmal stehen zu lassen und eine 6-stündige Zugfahrt durch das wunderschöne Lorestan zu machen. Wir nahmen den günstigen Localtrain und lernten eine ganz neue Seite der Iraner kennen. Normalerweise sind sie sehr freundlich, zuvorkommend und wir hatten den Eindruck, dass sie aufeinander Rücksicht nahmen. Dann fuhr der Zug ein. Eine große Menschenmenge drückte sich nach vorne und quetschte sich durch die Tür ins Abteil. Innerhalb weniger Sekunden und mit großem Lärm wurden alle Sitzplätze belegt und für weitere Familienmitglieder freigehalten. Wer hier nicht schnell genug war, der musste sich vor die Türe auf den Boden kauern.
Wir hatten Glück und ergatterten noch zwei freie Plätze.

In unserem Abteil schienen besonders viele Kinder zu sein, die auch besonders viel Freude daran hatten, unseren geteilten Fensterladen ständig nach unten zu ziehen. Wir wollten ja die Aussicht genießen, deswegen lieferten wir uns einen stillen Kampf im Rollladen hoch und runter ziehen mit den Kindern. Nach dem fünften Mal, nachdem wir den Rolladen wieder nach oben schoben, blieb er dort zum Glück auch. Aber der rappelvolle Zug und die immense Lautstärke der Reisenden, taten unserer Freude keinen Abbruch. Der Ausblick aus dem Fenster war einfach gigantisch. Die Strecke führte direkt am Fluss entlang. Wir fuhren an gewaltigen Felsformationen sowie Schluchten vorbei und durch Tunnel hindurch. Schließlich gelangten wir nach Dorud, der sogenannten Hauptstadt der Natur im Iran. Sinngemäß bedeutet der Name „wo sich zwei Flüsse treffen“. Der Ort ist der perfekte Ausgangspunkt für Ausflüge mit dem Zelt ins Umland. Es gibt zahlreiche schöne Wasserfälle und Wandermöglichkeiten. Hätten wir gewusst, wie schön es hier ist, hätten wir mehr Zeit eingeplant. Allerdings ging es am Tag darauf dieselbe Strecke mit dem Zug wieder zurück. Diesmal wurden wir direkt an das Ende des Zuges gewiesen, wo wir uns ein Abteil mit dem Zugpersonal teilten.

In Kermanshah hatten wir die Möglichkeit beim Training einer der ältesten Kampsportarten im Iran zuzusehen. Beim Zurkhaneh werden Gymnastik und Krafttraining zusammen mit Kampfübungen zum Takt von Trommeln ausgeübt. Diese Art des besonderen Trainings existiert bereits seit vielen Jahren noch vor der islamischen Zeit des Irans. Trainiert wird in einer achteckigen, ca. ein Meter tiefen Grube, deren Holzboden mit Matten ausgekleidet ist. Wir konnten die Männer beim gemeinsamen Training beobachten, das war wirklich sehr interessant und die Atmosphäre war sehr energiegeladen.

Unsere Reise ging weiter Richtung irakischer Grenze, in die Provinz Kordestān. Die Mehrheit der dort lebenden Menschen sind Kurden und der Kleidungsstil ist hier gefühlt auch traditioneller und bunter. Die Männer tragen oft weite Pluder-Hosen mit einem Stück Stoff um die Taille. Bei den Frauen sieht man bunte Kleider mit kurzen Westen und natürlich das obligatorische Kopftuch. Wir wollten ins gebirgige Hochland, ins Uraman Valley. Dort erwarten uns wieder spektakuläre Natur, kleine terrassenartig angelegte Dörfer, ein Stausee und natürlich wieder einige Höhenmeter. Nach einiger Zeit oder besser gesagt, an dem Punkt, an dem die Höhenmeter stiegen, hörte ganz plötzlich der Asphalt auf. Das machte die zahlreichen Serpentinen bei der Hitze natürlich noch reizvoller. Der Ausblick war umso gewaltiger.

Schließlich gelangten wir in die Hauptstadt der Provinz Kordestān, nach Sanandaj. Dort hatten wir das Glück bei einem jungen Paar für ein paar Tage zur Ruhe zu kommen und mehr über ihre Kultur zu erfahren. Wir wurden mit herzlicher Gastfreundschaft und leckerem Essen verwöhnt. Melli konnte ihre dürftigen Kochkünste weiter ausbauen und wir hatten richtig viel Spaß zusammen.

Vorerst sind wir wieder in Teheran und organisieren unsere weitere Reise. Ihr dürft also gespannt sein, in welches Land es für uns nach dem Iran geht 😉

Bis zum nächsten Update und liebe Grüße von unterwegs
Melli & Dani

Wir sind zur Zeit auf einer 5 jährigen Weltreise mit dem Fahrrad! Komm mit auf Social Media und wir entdecken zusammen die Welt.

2 Kommentare

  • fretboard

    Hallo ihr beiden; Nicht nur Eure Videos begeistern!! Nein!! Auch Eure Reisebeschreibungen sind super!! Ihr nehmt mich (und mit Sicherheit auch Eure anderen Leser und Zuhörer) mit auf Eure ganz persönliche Reise. Ganz toll. Ich finde, Eure Reise- und Erlebnisdarstellungen werden immer besser, weil wirkliche Erlebnisse dahinter stehen und ihr das auch rüber bringt. Also, ich bin immer voll dabei. Macht weiter so und achtet auf Euch.

    • Melli & Dani

      Vielen Lieben Dank für diesen herzlichen Kommentar! wir versuchen immer unseren workflow und vor allem die Qualität unserer Beiträge zu verbessern. Das motoviert auch weiterhin so viel Energie und Zeit in unsere Berichte & Filme zu stecken 😉
      Viele Grüße
      Melli & Dani

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